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Sommerserie

21.08.2019

Der „Blumen-Toni“ trifft in Oberhausen das Jesuskind

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4 Bilder
Zwei Puppen im Korb: Ein Raunen geht durchs Publikum, als die alle Marionette und das antike Püppchen, das vermutlich ein Jesuskind war, ihren Auftritt haben. Auch der Experte Georg Rehm zeigt sich angetan.
Bild: Michael Schreiner

Dem Regen trotzend bringen die Oberhauser ihre Schätze zur Kunstsprechstunde mit Georg Rehm. Zu bestaunen sind Originale und Fälschungen, Kuriosa und Erbstücke.

Als Auktionator Georg Rehm an diesem verregneten Dienstag eine halbe Stunde vor Beginn des „Kunsttages“ bei „Kultur aus Oberhausen“ eintrifft, lehnen schon einige gut verpackte Gemälde an der Wand vor der Werner-Egk-Grundschule. „Bei schönem Wetter kann jeder kommen“, heißt es heiter bis trotzig an unseren mobilen Schreibtischen, die unterm Vordach halbwegs im Trockenen stehen. Zu den vielen Besuchern, die sich teils schwer bepackt einfinden, gehören auch Fritz Schönfelder und Schröder. Schröder ist ein Hund. Nach dem Ex-Kanzler Gerhard Schröder benannt? „Um Gottes Willen nein“, wehrt Schönfelder ab – „nach Atze Schröder, dem Komiker.“

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Auch für Schröder gibt es ein trockenes Plätzchen, als der Antiquitäten- und Kunstexperte Georg Rehm loslegt. Es ist ein Heimspiel für ihn hier in Oberhausen, meint Rehm, Rückkehr zu den Wurzeln. „Ich bin um die Ecke im Josefinum geboren und meine Eltern haben nebenan in Peter und Paul geheiratet.“ Jetzt aber her mit den Schätzen! Ein großes Blumenstillleben in einem prächtigen Rahmen. Rehm genügen ein paar Blicke für Klartext. „Ein mäßig begabter Hobbymaler war hier am Werk, der Rahmen ist zweifellos das Wertvollste.“ Ähnliches gilt konsequenterweise auch für das zweite Bild des Malers, ebenfalls 1976 entstanden: eine Kopie nach Breughel. Das Ehepaar Anton und Gisela Eher aus Pfersee trägt es mit Fassung.

Gemeinsam wir die Signatur zu entziffern versucht

Nächstes Objekt: ein Silberarmband aus Münzen, 835 Feingehalt. Erika Seidel hat es vor 40 Jahren geschenkt bekommen, „aber nie getragen.“ Eingeschmolzen ergibt das keinen umwerfenden Silberpreis … Nächstes Stück: „Eine nette Landschaftsmalerei“, wie Rehm findet. Das Gemälde, das Ingrid Lazar auf dem Speicher lagert, zeigt Partenkirchen mit Zugspitze, dürfte um 1920 entstanden sein. „Ganz gut gemacht, die Stimmung ist ganz schön“, urteilt Georg Rehm. Gemeinsam wird an unseren mobilen Schreibtischen die Signatur zu entziffern versucht. „W. Schiele“ müsste das wohl heißen.

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„Hab’ ich hier nichts“, verkündet der Auktionator, nachdem er in seiner roten Bibel nachgeschaut hat – einem riesigen Buch, das Maler des 19. und 20. Jahrhunderts auflistet. Was wir aber haben, ist ein bemerkenswertes nächstes Objekt. Eine kleine Metallplastik, die eine Katze und einen Schuh zeigt, aus dem vorne eine Maus herausschaut. „Wiener Bronze!“, sagt Rehm nach kurzer Prüfung, „ auf jeden Fall ein älteres, bemerkenswertes Exemplar. Dürfte Ende 19. Jahrhundert sein.“ Die Besitzerin hat es von der Schwiegermutter geschenkt bekommen. „Ein begehrtes Sammlerstück“, weiß Georg Rehm.

Die Show der Hausschätze geht mit Tempo weiter

Dass es regnet, merkt vor der Egk-Schule niemand. Denn die Show der Hausschätze geht mit Tempo weiter. In Augenschein genommen wird mundgeblasenes böhmisches Glas, zwei Gläser und eine Kanne, entstanden um 1930 und ein beliebtes Geschenk zur „grünen Hochzeit“. Dass das Glas für den Bräutigam deutlich üppiger ausgeschmückt ist als jenes der Braut, entgeht den wachen Blicken an unserem Kunstschreibtisch nicht. Mitgebracht hat dieses Familienstück die Oberhauserin Anna-Maria Schilling, deren Eltern haben es 1947 zur Trauung bekommen.

Ein schweres großes Buch wuchtet Monika Reisinger auf den Schreibtisch. Es ist ein Buch von 1905, das einst ihrem Vater gehörte, einem Ornithologen. Weitere elf Bände hat sie daheim. Wunderbare, sehr detailgetreue Farbblätter in dem Folianten zeigen Vögel in üppiger Natur. „Früher hat man solche Bücher in Antiquariaten ausgeschlachtet und die Bilder und Grafiken einzeln verkauft“, sagt Georg Rehm, der zum Erhalt der zwölf Bände gratuliert. „Das Faksimile dieses Lexikons wird im Internet für 1300 Euro angeboten“, hat Monika Reisinger recherchiert. Aber sie will ihr Original eh nicht verkaufen – so wie fast alle, denen die Dinge ans Herz gewachsen sind, die sie vorzeigen.

Ein Reservistenkrug, der auch die Geschichte Oberhausens erzählt

Oberhausens Geschichte steckt in dem prächtigen Reservistenkrug, den Michael Hofer präsentiert. „Es ist ein Erinnerungsstück aus Oberhausen von meinem Großonkel, der mit 23 im Ersten Weltkrieg gefallen ist.“ Der Großonkel, geboren 1890, war in einem Reiterregiment, sein Konterfei ist im Silberdeckel des Krugs verewigt, auf dem eine Reiterfigur thront. „Es gibt sehr viele Fälschungen solcher Krüge“, erläutert Georg Rehm – „aber der ist ein Original, der ist echt.“ Die Konjunktur für Krüge war schon mal besser. 200 bis 300 Euro, schätzt der Fachmann, könnte man erzielen – es gab Jahre, da waren 1500 D-Mark locker drin für so ein schönes Stück. „Der Krug hat drei Generationen, Umzüge und zwei Kriege überstanden, den geb’ ich nicht aus der Hand“, sagt Hofer. Zumal der Krug die Initialzündung gewesen sei, sich mit der Oberhauser Vergangenheit seiner Familie auseinanderzusetzen.

Ein sprechender Gegenstand aus der Familiengeschichte ist dieser Bierkrug.
Bild: Michael Schreiner

Auf den echten Krug folgt eine „nicht originale“ Münze, ein Augsburg-Taler, der angeblich von 1765 stammen soll. „Niemals“, sagt Georg Rehm. Eher um 1880 oder später – „eine Nachprägung“. Frage an den Experten: Wie können Sie sich so schnell so sicher sein? Rehm antwortet: „Beißen Sie in einen Apfel, dann wissen Sie, dass es ein Apfel ist. So ungefähr ist das.“ Jedenfalls, die Augsburg-Taler, es sind zwei, die Mathias Kuntzer gebracht hat, seien um die 150 bis 200 Euro wert. „Das ist etwa so viel, wie ich bei Ebay bezahlt habe“, sagt Kuntzer. Und alle sind sich einig: Dann ist ja nix kaputt.

Zwei süße Puppen? Die eine schaut schon mal garstig

Ein Korb steht jetzt auf unserem mobilen Schreibtisch, zwei süße Puppen liegen darin, so schaut es auf den ersten Blick aus. Auf den zweiten allerdings kippt das Bild. Die größere von beiden hat etwas Garstiges, die kleinere entpuppt sich unter den Händen von Georg Rehm als ein Jesuskind, das kunstvoll eingekleidet und bandagiert worden ist, weil eine Hand fehlt. Marlene Schön hat die Figur mitgebracht, die Rehm sofort gefällt. „Die hat ein Alter, um 1800, zwischen 400 und 600 Euro.“ Bei dem Kompagnon aus dem Korb handelt es sich um eine Marionette, eine Frauenfigur, „wahrscheinlich die Böse im Spiel“, wie Rehm vermutet. Und sie ist ebenfalls in die Jahre gekommen, um 1850 schätzt er sie ein, „ein paar hundert Euro wird sie wert sein“. Rehm ist sicher, dass diese Puppe viele Auftritte in einem Marionettentheater hatte.

Was schlummert da alles in Oberhausen, fragen wir uns. Zum Beispiel dieses Paar Schuhe, das Erna Eisele jetzt mitgebracht hat. Nie getragen, immer sorgfältig im Karton aufbewahrt, eine Bad-Wörishofener-Sandale, womit die Wessels-Schuhfabrik so groß geworden ist. „Meine Mutter war Stepperin dort“, erzählt Eisele, das heißt, die Mutter hat die einzelnen Teile des Schuhs zusammengenäht. Und so taucht diese Firmengeschichte auf, die 1895 mit dem Schuster August Wessels begann. In den frühen 1960er Jahren war August Wessels Schuhfabrik einer der größten deutschen Hersteller und beschäftigte mehr als 2000 Mitarbeiter, dann ging es rapide bergab. Heute bleiben davon nur noch Erinnerungen und Stücke, wie dieses, das Erna Eisele mitgebracht hat.

Der Chic der Nachkriegszeit umweht diesen Schuh aus der in Oberhausen legendären Schuhfabrik Wessels. Ein Erinnerungsstück, nie getragen.
Bild: Michael Schreiner

Die Tischdecke vom Stempfle

Ihre Schwester Theresia Turner hat eine große bestickte Samt-Tischdecke dabei, die sie schon mehr als 30 Jahre aufbewahrt, ohne recht zu wissen, was sie mit diesem guten und eindrucksvollen Stück anfangen soll. „Sie hat einmal dem Stempfle gehört, dem Stempfle vom Stempflesee“, erzählt sie. Und am Tisch rät man ihr nur, es mit dieser Decke einmal im Augsburger Textilmuseum zu versuchen.

Eine Tischdecke hatten wir in fünf Jahren „Kultur-Sommerserie“ noch nie an einem Kunsttag mit Georg Rehm – bis Theresia Turner (rechts) dieses Stück vorbeibrachte.
Bild: Michael Schreiner

An diesem Nachmittag sind wir nicht die einzigen, die mitschreiben und fotografieren. Dieses Mal sitzt auch eine Kollegin am Tisch, Susanne Thoma, die maßgeblich an der Helmut-Haller-Ausstellung am Helmut-Haller-Platz beteiligt war. Und jetzt geht dieses Ausstellungsprojekt in die Verlängerung, auf der Helmut-Haller-Platz-Internetseite wird nicht nur laufend an der virtuellen Haller-Schau weitergearbeitet, gleichzeitig ist dort auch ein Stadtteilblog entstanden, an dem Thoma und einige andere mitschreiben.

Helmut Haller war ein weltbekannter Augsburger. In der Stadt gibt es aber auch einige lokale Berühmtheiten – der „König von Augsburg“ mit seinem grauen Bart ist heute so eine Figur, der „FCA-Schorschi“ war eine. Und der „Blumen-Toni“. Von ihm erfahren wir an diesem Dienstagnachmittag, weil jemand ein Gemälde aus dem Jahr 1969 mitgebracht hat, das einen verschmitzten Mann mit Blumen im Hut zeigt. So geschmückt ging der „Blumen-Toni“ aus dem Bärenkeller durch Augsburg. „Er trank schon auch gern ein Bier“, sagen diejenigen, die ihn in den 1960er Jahren noch erlebt haben. Nach allem, was wir hören, war auch der Blumen-Toni keiner, der sich vom Regen abschrecken ließ.

Ein verschmitzter Blick: Porträt des „Blumen-Toni“ vom Bärenkeller.
Bild: Richard Mayr
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