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Ausstellung

13.04.2019

Der Fotograf Daniel Biskup hat Geschichte eingefangen

Der Fotograf Daniel Biskup im Schaezlerpalais vor seinen Porträts von Menschen, die ihren Arbeitsplatz in der DDR verloren haben und 1992 gegen die Treuhand protestierten.
Bild: Ulrich Wagner

Fotograf Daniel Biskup dokumentierte vor 30 Jahren Mauerfall und Wendejahre. Im Schaezlerpalais zeigt er ein faszinierendes Geschichts-Panorama.

November 1989: Ein 26-jähriger Student der Geschichte und Politik sitzt in Augsburg, hört Nachrichten – und fackelt dann nicht lange. Er spürt „diesen Drang, dabei zu sein“. Er will Augenzeuge sein, wenn sich Historisches ereignet. Daniel Biskup nimmt seine Kameras, setzt sich ins Auto, rast mit 160 über die Transitstrecke nach Berlin. Um drei Uhr nachts ist er da – da tanzen die Menschen schon auf der Mauer. Biskup fotografiert rund um die Uhr, er ist tagelang wie im Taumel, macht Bilder, Bilder, Bilder. „Es war wie ein Rausch, da zu sein.“

Seit Kriegsende 1945, das ahnt der Student, der sich damals in Augsburg als Zeitungsfotograf ein bisschen Taschengeld dazuverdient, seit 1945 hat sich kein solches historisches Zeitfenster mehr aufgetan. Maueröffnung, Samtene Revolution in Tschechien, der Umbruch in der UdSSR, der Weg zur deutschen Einheit. „In dieses Zeitfenster hineinschauen zu können, das war das größte Geschenk, das mir widerfahren ist“, sagt Daniel Biskup heute, fast 30 Jahre später. Historie miterleben, statt im Hörsaal zu studieren – das wurde sein Ding.

Daniel Biskup hat die Mächtigen fotografiert

Inzwischen – auch dank seiner Fotos aus den bewegten Wendejahren – ist Biskup längst ein arrivierter, bekannter Fotograf. Er hat von Putin bis Trump die Mächtigen fotografiert, er war eine Art Leibfotograf von Helmut Kohl, den er in den turbulenten Jahren nach dem Zusammenbruch der DDR kennengelernt und oft begleitet hatte. Seine Fotos gibt es in zig Bildbänden. Im Schaezlerpalais in Augsburg zeigt Daniel Biskup nun in einer großen Ausstellung über 100 seiner einzigartigen Fotos aus den Wendejahren. „Biskup bildet ein visuelles Gedächtnis für uns aus“, sagt Christof Trepesch, Chef der Kunstsammlungen. Tatsächlich zeigt die Fotoausstellung, wie alles, was Daniel Biskup damals fotografierte, nach Jahrzehnten zu einem Zeugnis wird.

Plötzlich waren die Besitztümer von einst nur noch Schrott. Als es West-Autos und die D-Mark gab, ließen viele DDR-Bürger ihre Trabis einfach stehen. Daniel Biskup entdeckte diesen Schrottplatz auf dem Land bei Leipzig.
Bild: Ulrich Wagner

Graffiti auf der Mauer, Transparente bei Demonstrationen, Schrottberge von stehen gelassenen Trabis, Schaufenster von Geschäften, in denen das DDR-Waschmittel Spee gegen den Weißen Riesen aus dem Westen bestehen muss, Bautafeln der neuen Zeit, durchgestrichene Straßenschilder, Ruinen als Abenteuerspielplätze. Biskup hat ein Auge – und er hat ein Archiv, das noch immer Unveröffentlichtes enthält. „Es ist jetzt die Zeit, diese Fotos zu zeigen, weil sie etwas erklären über die Wendeverlierer.“

In Berlin läuft parallel eine große Schau

400 dieser aus dem eigenen Schatz der Vergangenheit geholten Bilder hat Daniel Biskup in seinem neuen Fotoband „Wendejahre. Ostdeutschland 1990 bis 1995“, erschienen beim Augsburger Verlag „Salz und Silber“, versammelt. Eine Auswahl zeigt die Augsburger Schau, ergänzt um eine Kabinettsausstellung im Museumscafé mit gut 30 Bildern, die er 1989 in Prag gemacht hatte, wo eine Samtene Revolution dem Dissidenten Vaclav Havel den Weg ins Präsidentenamt ebnete. Es ist nicht die einzige Präsentation im Jubiläumsjahr 30 Jahre nach dem Mauerfall. In Berlin im „Haus der Geschichte“ in der Kulturbrauerei läuft parallel eine große Biskup-Ausstellung.

Der Augsburger Fotograf erntet jetzt die Früchte seiner damaligen Geistesgegenwart und Entschlossenheit, seiner Intuition. Niemand hatte ihn beauftragt – „ich verschickte mich selbst“. Immer wieder reiste er in den Jahren 1989 bis 1995 in das, was einmal die DDR war. „Ich habe mich oft einfach den Menschen angeschlossen, ihren Kundgebungen. Wo sie hingehen, gehe ich mit, sagte ich mir“, erzählt Biskup, der mit seinen Erläuterungen zu jedem einzelnen Foto offenbart, dass er nicht nur Bilder sammelt, sondern die historischen Zusammenhänge und Hintergründe durchdringt. Ein Zeitzeuge mit der Kamera. Am 20. Februar 1990 steht er direkt neben Helmut Kohl, als der von einem Balkon in Erfurt auf 140000 dicht gedrängte Menschen blickt. „Helmut, Helmut, Helmut schrien sie“, erinnert sich Biskup an die Gänsehautatmosphäre. Ein typischer Biskup-Moment: Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. „Ich habe so viel Glück in meinem Fotografenleben gehabt, das reicht für mehrere Leben“, sagt der 56-Jährige.

Ausstellung im Schaezlerpalais: Mit Menschen kann Daniel Biskup

Bekenntnis zum Hoffnungsträger Vaclav Havel. Die Bilder, die Daniel Biskup von der „Samtenen Revolution“ aufgenommen hat, sind in einem eigenen Buch erschienen.
Bild: Daniel Biskup
Schaezlerpalais

Die Ausstellung ist ein Geschichtsbuch, die Bilder erzählen mehr als manche hundertseitige Abhandlung. Ein Loch in der Mauer, Anfang 1990 in Berlin – und durch die Lücke läuft ein schwarzer Pudel. Ein Transparent, auf dem zwei DDR-Bürger fragen: „Ossi – Bürger 2. Klasse?“. Für das Verständnis von heute sind diese jahrzehntealten Fotos wichtige Schlüssel. Biskup, der Zeitzeuge mit der Kamera, der partizipierende Historiker, erzählt von der Alltäglichkeit des ungeheuerlichen Umbruchs. Er hielt damals drauf, er fand alles wichtig, dokumentierte, registrierte erst einmal „nur für sich“. Aber er ahnte, dass seinen Bildern mit der Zeit eine historische, andere Dimension zuwachsen würde. Welche, das zeigt seine Augsburger Ausstellung eindrucksvoll. Der Wechsel von Formaten, von Schwarz-Weiß und Farbe rhythmisiert die Schau, die im Übrigen vorbildlich informativ beschriftet ist.

Schaezlerpalais, Maximilianstraße 46. Laufzeit 14. April bis 30. Juni, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr

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