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Mozartfest

27.05.2019

Der Schluss setzt dem Mozartfest die Krone auf

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2 Bilder
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit Solisten bei der Aufführung von Beethovens Tripelkonzert in evangelisch Heilig Kreuz.
Bild: Christian Menkel

Das Festival bot in diesem Jahr Erstklassiges in Kammer- und Kirchenkonzerten. Da wollte im Orchesterfinale auch die Kammerphilharmonie Bremen  nicht hintanstehen

Musik ist in diesem Gotteshaus schon reichlich erklungen. Doch solche Schallgewalt wie am Sonntag dürften die ehrwürdigen Mauern von evangelisch Heilig Kreuz noch kaum je zu reflektieren gehabt haben. Üblicherweise erklingen hier Barock und Wiener Klassik, und dafür ist die Kirche bestens dimensioniert, denn noch ein Beethoven komponierte weder für Gasteige noch für Elbphilharmonien. Wenn aber eines der ganz großen Kaliber spätromantischer Sinfonik, Tschaikowskys „Pathétique“, Einzug hält in Heilig Kreuz, stellt das den Kirchenraum vor eine echte Herausforderung. Aber wo will man sonst in Augsburg hin, wenn die Kongresshalle seit Langem gebucht ist für die Jahrestagung der Veterinärdermatologen?

Klangpower und Spielkultur mit der Kammerphilharmonie Bremen

Zum Finale des leojubelnden Mozartfests drängten sich 900 Besucher in dem lichtdurchfluteten Haus, und selbst jene, die nur noch Hörplätze ergattern konnten, werden noch lange an diesen Abend zurückdenken. Denn zu Gast war die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, vermittelt durch die im „Freistil“ das Festival mitkuratierenden Augsburger Maximilian Hornung und Sarah Christian, letztere eine der Konzertmeisterinnen des Orchesters. Und dass dieses unter den nicht wenigen sehr guten Klangkörpern hierzulande zu einem der allerbesten gehört, stand nach diesem Konzert, das einer Demonstration in Klangpower und Spielkultur gleichkam, wohl für niemanden infrage.

Das ging schon los mit der obligatorischen Mozart-Verbeugung, der Ouvertüre zu „Figaros Hochzeit“. Geradezu derwischhaft der Drive, wuselnde Violinen, explosive (Natur!-)Trompeten, Holzbläser wie Sternenfeuer, all dies animiert von Jérémie Rhorer, dem französischen Dirigenten, der als Mitbegründer eines Originalklang-Ensembles sowieso weiß, wie man Musik des 18. Jahrhunderts auf Touren bringt. Wäre auf die Ouvertüre auch noch der restliche „Figaro“ gefolgt, man hätte sich weiß Gott nicht beklagt.

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Doch die Reihe war an Beethoven und damit an den schon genannten Sarah Christian (Violine) und Maximilian Hornung (Cello), die sich mit Alexander Melnikow (Klavier) für Beethovens Tripelkonzert zusammenfanden. Unterstützt von Jérémie Rhorer folgten die Solisten einem Konzept, welches das Opus 56 mehr von kammermusikalischer als von virtuos-konzertanter Seite her versteht. So erfolgte im eröffnenden Allegro schon die Themenvorstellung durch Christian, Hornung und Melnikow nicht mit extrovertierter Gebärde, sondern als intime Kommunikation des Trios untereinander wie auch mit dem orchestralen Gegenüber. Was wiederum nicht bedeutete, dass sich die Solisten nicht zu exponieren gewusst hätten, im Gegenteil. Wie Maximilian Hornung im langsamen Satz die Cellokantilene aufblühen ließ in einer Geste voller Emotion, doch ohne eine Spur von Gefühlszuckerguss; und wie Sarah Christians Violine sich voller Wärme einhakte und weiterschritt, das verriet zwei künstlerisch absolut souveräne Gestalter. Melnikow wiederum gab den eher intellektuell argumentierenden Gesprächspartner, transparent und manchmal wie im Frageton artikulierend, ein faszinierend mitdenkender Pianist, der jede kleinste Wendung des musikalischen Geschehens allzeit im Blick hat und minutiös darauf reagiert.

Pathos und Brillanz in Tschaikowskys 6. Sinfonie

Ein Fest für jedes Orchester ist Tschaikowskys 6. Sinfonie, und ein Fest fürs Publikum, die „Pathétique“ von einem Orchester wie der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen vorgeführt zu bekommen. Hier hat der formidable Komponist und eminente Orchestrator Tschaikowsky noch einmal alles Pathos und all seine Brillanz hineingepackt, und beides holten die Musiker unter Jérémie Rhorer in ihrer gestochen transparenten und doch ungemein dichten Interpretation wieder hervor. Schon die aus dem Nichts leerer Bassquinten auftauchende Fagottlinie und die sich einflechtenden Violen waren von hochaufgeladener Intensität, voller Leidenschaft daraufhin die weit ausholenden Anläufe, packend die Durchführung mit ihrer atemlos jagenden Maschinerie – auch wenn durch den druckvollen Pegel der Bremer die Kirchenakustik immer wieder an ihre Grenzen geriet. Die beiden schnellen Mittelsätze nahm Rhorer beschwingt, den Fünfviertel-Zwiefachen fast schon ausgelassen, das ratternde Molto vivace geradezu überquellend. Und dann Tschaikowskys Schwanengesang: halszuschnürend intensiv ohne platte Resignationsattitüde, voller Lebenskraft in den Zuspitzungen, ergreifend in der klarsichtig-ergebenen Formulierung des Zu-Ende-Gehens und finalen Verlöschens.

Ein Abend von größter Intensität, der dem in diesem Jahr eh schon fulminaten Mozartfest noch die Krone aufsetzte.

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