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Tuiachs Thesen

04.12.2019

Der Zeitgeist ist ein unsicherer Kantonist

"Lassen wir uns vom Zeitgeist an der Nase herumführen?" fragt sich unser Kolumnist Silvano Tuiach.

Unlängst ließ mich eine Zeitungsmeldung schmunzeln. Da wurde berichtet, dass Pflanzen im Büro plötzlich wieder „in“ seien. Nachdem Gewächse auf dem Schreibtisch jahrelang als spießig galten, kann man jetzt die Sanseverien wieder auf den Schreibtisch stellen.

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Im Zusammenhang mit Büros hat mich das an das Ende der 60er Jahre erinnert, als es hieß Büroräume, in denen nur ein Mensch arbeitet, seien gegen die menschliche Natur, die auf Geselligkeit ausgerichtet ist. Da wurden dann die Trennwände eingerissen und das „Großraumbüro“ geschaffen, in dem dann zwanzig oder gar dreißig Angestellte zusammen sitzen und arbeiten. Zwanzig Jahre später hieß es dann, Großraumbüros seien der menschlichen Natur zuwider und aus dem Großraumbüro wurden wieder einzelne „Zellen“ gemacht.

Vor diesem Umbruch meinten Soziologen und Psychologen, jeder Mensch brauche seine Privatsphäre auch bei der Arbeit, wo er auf seinen Schreibtisch ein gerahmtes Foto seiner Lieben aufstellen könne. Da es damals ja den PC noch nicht gab, war auf dem Schreibtisch auch genügend Platz dafür.

Der Zeitgeist ist ein unsicherer Kantonist

Auch die Auswirkung von Butter wird alle paar Jahre anders eingeschätzt. Einmal ist Butter schädlich und der „Verbraucher“ wird aufgefordert Margarine aufs Brot zu schmieren, dann ist Butter plötzlich wieder gesund. Anderes Beispiel: In den 60er und 70er Jahren war der Bart bei „Progressiven“ fast Pflicht. Zwanzig Jahre später galt der (Schnurr-)Bart als das Merkmal des zurückgebliebenen Kleinbürgers. Am Anfang des neuen Jahrtausends, als die „Hipster“ auf der Bildfläche erschienen, waren wieder Bärte angesagt, je länger umso besser.

Ist das alles einfach „Mode“ oder (Selbst)Manipulation? Ich denke, Menschen sollten selber entscheiden können, ob ihnen ein Bart steht oder nicht, ob sie lieber Butter oder Margarine essen. Um noch mal auf das Großraumbüro zurückzukommen, hier waren ja nicht die Medien ausschlaggebend für die Umkehr, sondern Wissenschaftler, die aufgrund von „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ zu ihren Schlussfolgerungen kamen. Aber auch die Wissenschaft ist nicht unberührt vom Zeitgeist, der ein unsicherer Kantonist ist und uns oft genug an der Nase herum führt.

***

An dieser Stelle blickt der Kabarettist Silvano Tuiach für uns auf das Geschehen in Augsburg und der Welt.

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