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"Der zerbrochne Krug": Scherbengericht für Adam

"Der zerbrochne Krug"

Scherbengericht für Adam

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    "Der zerbrochne Krug" wird in Augsburg aufgeführt. Bild: A. T. Schaefer
    "Der zerbrochne Krug" wird in Augsburg aufgeführt. Bild: A. T. Schaefer

    Es sind nur ein paar Scherben in einer Plastiktüte. Doch dieser zerbrochene Krug, Gegenstand einer Gerichtsverhandlung, fliegt wie ein Sprengsatz in die Dorfgesellschaft und erschüttert alles. Am Ende ist viel mehr kaputt als hübsches Steingut: Autorität, Loyalität, Vertrauen.

    Zwar kommt die Wahrheit noch ans Licht, obgleich der Prozess der Wahrheitssuche vom Dorfrichter Adam nach Kräften als Prozess der Verschleierung betrieben wird. Auch Selbstgerechtigkeit wird entblößt. Etwa die Selbstgerechtigkeit der Mutter Marthe Rull, die ihre Tochter Eve zu verstoßen bereit ist; die Selbstgerechtigkeit des ungestüm Liebenden Ruprecht, der in seiner Wut eben diese Eve verletzt. Gerechtigkeit aber? Da gackern ja die Hühner. Sie bleibt eine Illusion.

    Augsburgs Schauspieldirektor Markus Trabusch inszeniert das vor über 200 Jahren geschriebene Lustspiel Heinrich von Kleists nicht als naturalistisches bäuerliches Sittengemälde mit Holz und Speck und Landgeruch der niederländischen Provinz, sondern holt die Figuren in unsere Zeit. Er belässt die Szenerie aber in artifizieller Unbestimmtheit. Seine Regie ist solide dienend, nicht kühn deutend. Einen überraschenden Zugriff auf den Stoff erlebt das Premierenpublikum im Großen Haus des Theaters Augsburg nicht.

    Verhandelt wird das wohlbekannte Scherbengericht mit seinem Gezänk und Gezeter auf einem knallroten, leeren Podest, das als Bühne auf der Bühne schräg vorn an der Rampe vor einem aquariumähnlichen Riegel steht. Die Scheibe wird zum Spiegel und doppelt das Geschehen. Ein Spiegel der Erkenntnis? Ein wenig wirkt die intime Bühne (Marc Bausback) wie ein Fernsehstudio, zumal die Akteure auf Lautsprecherboxen sitzen und gelegentlich in Mikrofone sprechen. Geschickt betont Trabusch den Dualismus des (Prozess-)Theaters im Theater.

    Die Beteiligten sind auf Augenhöhe und agieren nebeneinander, aufgehoben ist die klassische Hierarchie des Gerichtssaals: Richter oben, Volk unten. Der Dorfrichter und der Gerichtsrat aber tragen immerhin Pelz als Zeichen der Würde und Macht (Kostüme: Katharina Weißenborn). Rot wie die Kulisse ist der Anzug, in dem der klumpfüßig humpelnde Dorfrichter Adam („Zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße“) steckt. Rot, so viel merkt man, steht für Emotion, Scham, Trieb, Blut, Hölle, Gefahr.

    Gleichwohl kommt das Stück auf dieser feuerroten Bühne zunächst schwer auf Temperatur. Zu verhalten, unbeseelt und statisch bleibt das Premierenspiel in der ersten Hälfte der zwei Stunden – trotz wummernder Bässe, die die Scheibe vibrieren lassen. Die Feinheiten in Kleists Sprache, pointiert, bissig, verspielt, witzig, doppelbödig, dringen nur schwer durch. Manches geht unter, anderes kommt nicht zur Entfaltung. Was am wenigsten am rackernden Klaus Müller als verschlagenem Dorfrichter liegt. Er, der sich ganz zu Anfang gar im Adamskostüm zeigt und in seiner Nacktheit noch Arglosigkeit und selbstgewisse Unangreifbarkeit demonstriert, ist in seinem raffiniert-durchtriebenen, geschmeidig-skrupellosen, verzweifelt-grotesken aber eben aussichtslosen Kampf gegen die Wahrheit ein Vollblutmensch.

    Er flüstert, er tobt, er umgarnt und droht. Ein Lüstling und Lügner, ein Erpresser und Verblendeter von maßloser Dreistigkeit, dem man aber nicht ohne Sympathie durch sein irres Lügengespinst folgt, in dem sogar der Teufel willkommen ist. Immer neue Finten und Winkelzüge, ein fast animalisches Gespür, das ihn Gefahr wittern und immer wieder aus der Falle entwischen lässt, der unbedingte Einsatz für die eigenen Interessen – Klaus Müller gibt großartig diesen allzu menschlichen Widerling, der jeden kleinen Triumph der Unwahrheit als Befreiungsschlag auskostet und dabei kaum bemerkt, dass ihm doch die Regie in seinem Gerichtstheater mehr und mehr entgleitet. Der nicht wahrnimmt, dass er längst erkannt ist und sich die Schlinge um seinen Hals zuzieht.

    Von der Stille nach dem Lachen

    Adams Schreiber Licht (Alexander Darkow), der den Dorfrichter gerne beerben würde, ist in Augsburg ein berechnender Opportunist, ein serviler Ehrgeizling und generalsekretärhafter Justizbeamter, der publikumswirksam, aber zu eindimensional und ein wenig hampelmannartig agiert. Ute Fiedler gibt die Marthe Rull energisch, vornehm und unterkühlt, sie scheint mit ihrer Rolle jedoch zu fremdeln.

    Souverän und gelassen, mit wachsendem Interesse am Gebaren der Leute, betrachtet der aus der Stadt ins Dorf gekommene Revisor Walter (überzeugend: Tjark Bernau) die Geschehnisse in einer Welt, in der Regeln anders ausgelegt werden. „In Eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum geknetet, innig, wie ein Teig zusammen; mit jedem Schnitte gebt Ihr mir von beidem.“ Justiz ist Menschenwerk.

    Walter erahnt Adam früh als den Mann, der nachts in Eves Kammer eindrang, sie nötigte und überstürzt, Scherben hinterlassend, flüchtete – doch um der Staatsautorität und des Rufs der Justiz wegen ist er zunächst bereit, die Wahrheit zu opfern. Dass am Ende Adam entlarvt ist, geht allein auf das Konto von Eves (Sarah Bonitz). Sie ist die tragische Schlüsselfigur in dieser Komödie.

    Sie bricht ihr Schweigen, erträgt das Verleugnen der Wahrheit nicht mehr, löst sich vom Druck des Dorfrichters, der ihr halb erpresserisch Verschonung des Verlobten vor tödlichem Soldatenauslandseinsatz in Aussicht stellte – und dafür einen hohen Preis forderte des Nachts in der Kammer. Bonitz, neu am Theater Augsburg, beeindruckt mit Eves Schlussmonolog (den Kleist einst selbst weggekürzt hatte, Regisseur Trabusch aber spielen lässt). Stille im Theater, wo man zuvor noch gelacht hat über die von der Zeugin Frau Brigitte (belebend: Christine Diensberg) geschilderte Flucht des klumpfüßigen Teufels mit der Richterperrücke …

    Freundlicher Applaus.

    Nächste Aufführungen 7., 9., 14., 15., 21., 23., 24. und 26. Oktober

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