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Junge Künstlerin

29.01.2021

Die Augsburger Sängerin Lienne packt mit ihrer Stimme

Lienne alias Selin Üstün hat innerhalb von wenigen Monaten viele Fans und Preise gewonnen.
Foto: Robert Hagstolz

Innerhalb von Monaten ist die junge Sängerin Lienne durchgestartet. Erst hat sie andere Musiker beeindruckt. Dann folgten eigene Songs und größere Auftritte.

Hat man nur drei Minuten übrig und möchte trotzdem gerne wissen, was die junge Augsburger Sängerin Lienne ausmacht, ist der Mitschnitt ihres Songs „4k400“ von den Kegelbahnkonzerten aus dem Provino eine treffende Wahl. Das spannungsgeladene Streicherarrangement für zwei Geigen, ein Cello und einen Kontrabass webt einen dichten organischen Teppich für den cleveren Beat von Nick Hermanns Schlagzeug. Links am Bühnenrand hält Lienne ihre Augen geschlossen und erzeugt mit ihrer Stimme voller Reife, Kraft, Emotion und Tiefe eine Gänsehaut, die selbst vor dem Bildschirm erst mit dem letzten Ton des Stückes langsam abklingt.

Diese Erfahrung machte auch Stefan Krause, einer der Köpfe hinter dem Augsburger Folktrio John Garner. Allerdings kann er es sich auf die Fahne schreiben, dass er der Erste war. Lienne stand vor gut zwei Jahren auf einer kleinen Bühne irgendwo in der Stadt, sang einen Coversong, Krause stand davor und „wusste erst nicht so recht. Ich war total erstaunt von dem Talent und dem Potenzial für eigene Songs“. Seit dem Jahr 2000 ist Krause in der Szene unterwegs, er hat viele kommen und gehen sehen, „da ist es selten, dass mich was noch so packt“.

Lienne war als 18-Jährige schüchtern und zurückhaltend

Lienne hat ihn gepackt. Eine, wie sie selbst sagt, schüchterne, zurückhaltende 18-Jährige, die zwar wusste, „dass ich mich mit meinem Gesang gefühlstechnisch ausdrücken kann“, aber eben nur zu Hause mit dem Spielzeugmikrofon ihres Bruders. Doch dann ging es mit Krauses Hilfe in Höchstgeschwindigkeit los: fünf Singles in einem knappen Jahr, das Konzert beim immer fein kuratierten Modular Festival, der Auftritt bei „Puls“ im BR, die Roy-Auszeichnung als Newcomerin des Jahres 2020.

Die Augsburger Sängerin Lienne ist 21 Jahre alt und vermisst wegen der Corona-Pandemie die Live-Auftritte und ihr Publikum.
Foto: Tibor Schrag

In wenigen Monaten aus dem Kinderzimmer ins Fernsehen, wie steckt man das weg? „Es hat mich alles richtig überwältigt“, erzählt die mittlerweile 21-jährige Selin Üstün, wie Lienne eigentlich heißt, „aber dann habe ich plötzlich gesehen: Die Leute mögen meine Stimme!“ Das waren die Reaktionen auf ihren ersten selbst geschriebenen Song „World’s Madness“. Eine langsame Pianoballade, einfach, aber eindringlich, die zurückhaltende Produktion und der flirrende Beat hält die Quintessenz des Stücks im Zentrum des Geschehens: Liennes vereinnahmende Stimme. Sie steckt all ihre Fassungslosigkeit darüber, was die Menschheit mit dem Planeten anrichtet, in simple, aber einprägsame Zeilen wie diese: „Die Grausamkeit der Welt kann sich nicht verstecken. Die Grausamkeit gegenüber der Natur, die Grausamkeit der Menschen untereinander.“

Lienne weist auf Ungerechtigkeiten hin

Von Anfang an nutzte sie die Aufmerksamkeit, die sie bekam, um auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen, die von vielen Menschen einfach hingenommen werden. Ungerechtigkeiten etwa Frauen gegenüber, nicht zuletzt auch in der Welt der Musik, in der Künstlerinnen oft deutlich größeren Widerständen begegnen als ihre männlichen Kollegen. Aber auch die Abneigung Menschen gegenüber, deren Eltern, wie es auch bei Lienne selbst der Fall ist, nicht in Deutschland geboren wurden.

Dabei sagt sie, dass sie selbst nie benachteiligt wurde. „Aber ich habe es bei anderen mitbekommen. Eigentlich sollte das auch gar nicht mehr angesprochen werden müssen, man muss sich ja nicht lieben, aber man sollte sich respektieren“. Ihr Selbstvertrauen zieht sie aus der Musik, bestärkt wird sie von ihrer Familie, ihren Mentoren von John Garner oder ihrem Bandmitglied und Produzenten Nick Hermann – ihre musikalische Familie.

Mit der verbringt sie gerade viel Zeit im Studio, am Vorabend des Gesprächs mit Lienne wurde bis fünf Uhr morgens gearbeitet. Es wird an einer größeren Auswahl an Songs gefeilt, die es noch dieses Jahr auf einen Tonträger schaffen sollen. Vielleicht wird es ein Album, eine EP in jedem Fall.

Liennes größter Wunsch: Dass alle ihre Masken korrekt tragen

Auch wenn es angesichts der Umstände gerade nicht einfach ist, die Kreativität in Musik zu kanalisieren. „Ich ziehe mich mehr zurück im Moment, die Produktivität ist schon eingeschränkt. Es macht mich gerade fertig, wenn ich keinen Song zu Ende bringe“, so beschreibt sie eine ihrer künstlerischen Sorgen, die im Zuge der Pandemie wie aus dem Nichts auftauchten.

Auch die Konzerte fehlen ihr. Daher ist einer ihrer Wünsche, dass sie in diesem Jahr innerhalb der Möglichkeiten wieder live spielen kann. „Ohne Konzerte fühlt es sich leer an.“ Ihren größten Wunsch aber könnte ihr jeder einzelne Stadtbewohner erfüllen: „Alle Leute sollten ihre Masken richtig tragen!“ Vielleicht sogar in gebührendem Abstand auf einer Show von Lienne, irgendwann in diesem Sommer.

In der Serie "Junge Künstler" stellen wir den kreativen Nachwuchs aus der Region vor

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John Garner waren im Sommer zu Gast in unserem Podcast. Hier können Sie sich die Folge anhören.

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