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Kunstprojekt

05.11.2019

Die Barfüßerkirche hat gerade eine Glocke, die niemand hört

Der Konzeptkünstler Stefan Klein hat für die Barfüßerkirche Augsburg einen Glockenton geschaffen – auch als App fürs Handy.
Bild: Annette Zoepf

Plus Der Konzeptkünstler Stefan Klein hat in der Barfüßerkirche einen ausgefallenen Ton spürbar gemacht. Den gibt es jetzt auch auf dem Handy zu hören.

Höre! Es sind Töne im Raum, aber du kannst sie nicht erfassen. Denn es fehlt ihnen etwas. Das ist die künstlerische Arbeit von Stefan Klein, der zwei Monate „Artist in Residence“ in der Augsburger Barfüßerkirche war. Anfangs hat er nämlich erfahren, dass dort die einzige Glocke schon seit längerer Zeit schweigt, weil sie reparaturbedürftig ist. Klein fragte sich, ob er Ersatz für den ausgebliebenen Ton finden würde.

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Hat er gefunden – und doch wiederum nicht. Denn in seiner Tonaufnahme ließ er ausgerechnet den Frequenzbereich, den das menschliche Ohr hört, herausfiltern. Wenn nun zu gewohnter Stunde um 7 und um 18 Uhr das Geläut aus Lautsprechern im Turm der Barfüßerkirche erklingt, dringen akustische Signale ins Ohr, „die der Körper zwar wahrnimmt, die aber an unserer Gewissheit vorbeischleichen“, erklärt der Berliner Künstler. Der Körper reagiert auf etwas und erfährt eine Wirkung, die unserem Bewusstsein ein Geheimnis bleibt. Was hören wir also, wenn wir nichts hören?

Stefan Klein nimmt auf, was ihm der Raum mitteilt

Stefan Klein verbindet diese Frage mit der Überlegung, was in einem Sakralraum denn die bestimmte Atmosphäre hervorruft. Weil hier die Mystik in Angeboten wie dem Herzensgebet oder der Montagsmeditation eine große Rolle spielt, erschien ihm die Barfüßerkirche für solche Erkundungen besonders geeignet. Immer wieder sitzt er geduldig da und nimmt in sich auf, was ihm der Raum mitteilt. „Ich habe hier ganz viel mitgekriegt aus Gesprächen, die Besucher hier führen.“ Wie sie sich fühlen, was sie anspricht, was ihnen zuviel oder zuwenig ist. Sie richten sich gewissermaßen den Ort her, um ihren Glauben zu praktizieren oder einen Hauch des Geistes dieser Kirche mit extremer Raumhöhe bis zum gotischen Gewölbe und blanken Ziegelwänden zu erspüren.

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Klein: „Was passiert hier? Das Dazwischen ist schwer zu beschreiben, es bleibt etwas Vages.“ In der Barfüßerkirche bekam er mit, wie die Lampen sanft schwingen, wenn die aufgeheizte Luft aufsteigt. „Verweilt man hier längere Zeit, fallen selbst kleine Veränderungen auf.“ Sogar eine profanierte Kirche habe noch ihre eigene Atmosphäre.

Mit zwei anderen Künstlern von der evangelischen Kirche ausgewählt

Als Zweites bietet Stefan Klein die Möglichkeit, das Glockengeläut der Barfüßerkirche als Klingelton aufs Handy zu laden, um es so in alle Welt auszustreuen. „Es kann dann auch im Wald läuten oder es verbindet viele Menschen auf ungeahnte Weise oder es klingt am Rathausplatz zusammen mit anderen Glockentönen der Stadt.“ Der Zufall bestimmt, wann und wo es läutet.

Stefan Klein wurde mit zwei anderen Künstlern von der evangelischen Kirche in Bayern zum Projekt „Zwischenspiel“ eingeladen. Sie arbeiten an drei Orten. Klein, 1983 in Memmingen geboren, war es ganz recht, wieder einmal in Südbayern zu sein. Er studierte Kunst am Weimarer Bauhaus und lebt in Berlin als Konzeptkünstler. Seine Arbeit solle im Vordergrund stehen, sagt Klein, weshalb er sich nicht voll fotografieren lässt. Im Oktober hatte er bereits im Augsburger Kunstverein einen Abend mit dem Philosophen Andreas Rauh (Universität Würzburg) und Dekanin Doris Sperber-Hartmann.

Am Donnerstag, 7. November, um 17.45 Uhr wird es eine Projektpräsentation von Stefan Klein in der Barfüßerkirche geben.

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