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Klassik

15.07.2020

Die Bayerische Kammerphilharmonie - ein Orchester in Zwangspause

Ein Bild aus Vor-Corona-Tagen: die Bayerische Kammerphilharmonie. Vor dem Cembalo sitzend: Valentin Holub.
Bild: Josep Molina, Bayerische Kammerphilharmonie

Plus Das in Augsburg residierende Ensemble hatte sich sein Jubiläumsjahr eigentlich anders vorgestellt. Dann kam Corona. Wie es den Musikern damit geht.

Als die Musikerinnen und Musiker der Bayerischen Kammerphilharmonie am Abend des 12. März nach einer konzertanten Aufführung von Händels Oper „Giulio Cesare in Egitto“ die Instrumente sinken ließen, war noch niemandem im Orchester so richtig bewusst, dass dies der Beginn einer langen Zwangspause sein würde. Wenige Tage später trat der Corona-Lockdown in Kraft und brachte auch für die Kammerphilharmonie die bekannten Folgen mit sich: kein Zusammenspiel mehr, keine Auftritte, keine Einnahmen. Und das im 30. Jahr des Bestehens des in Augsburg residierenden Orchesters.

Valentin Holub, Bratschist der Kammerphilharmonie und zugleich deren Geschäftsführer, ist nicht geneigt, ausschließlich die Jammerarie anzustimmen. Nein, sagt er, es gab während des Lockdown auch eine Welle der Sympathie. Viele der bereits bezahlten Karten wurden nicht zurückgefordert, Sponsoren zeigten sich einsichtig, es gab Spenden, dank derer das Büro in der Jesuitengasse gehalten werden konnte. Dennoch standen die Musiker für geraume Zeit vor dem Nichts – die einen mehr, die anderen weniger. Denn die Bayerische Kammerphilharmonie, 1990 gegründet, ist kein institutionell festgefügter Verbund wie etwa die Augsburger Philharmoniker, sondern ein projektbezogener Zusammenschluss. Im Kern besteht das Ensemble aus einem Dutzend Musiker; hauptamtlicher Kammerphilharmoniker ist keiner. Die einen stehen andernorts fest in Lohn und Brot; andere zählen zur freien Szene, die Kammerphilharmonie ist für sie nur eines von mehreren Standbeinen. Versteht sich, dass Letztere die Corona-Einschränkungen ungleich härter treffen.

Von der Stadt Augsburg würde sich die Kammerphilharmonie mehr erwarten

Auch wenn das Ensemble das „Bayerische“ im Namen trägt, ist der Sitz der Kammerphilharmonie seit jeher Augsburg. Von der Stadt fühlt man sich in der Krise allerdings nicht so wahrgenommen wie erhofft – da geht es, sagt Valentin Holub, dem Orchester nicht anders als vielen anderen freien Künstlern in Augsburg. Hilfestellung bei der Suche nach neuen, hygienegerechten Spielstätten könnte man sich etwa vorstellen, aber auch Mietreduktionen für städtische Säle. Und ausgerechnet in dieser Situation sei das Kulturreferat „für ein halbes Jahr ohne Führung“, klagt Holub.

Und dann ist da auch der Zwist um die Spende des Orchestervorstandes der Augsburger Philharmoniker, dank der die Kammerphilharmonie mit 5000 Euro bedacht wurde. Staatstheater-Intendant André Bücke hatte es nicht behagt, wie die gesamte Spendenaktion seines Hausorchesters über seinen Kopf hinweg gelaufen war, weshalb er der stellvertretenden 1. Konzertmeisterin eine Ermahnung hatte zukommen lassen. „Wir als Kammerphilharmonie sind betroffen, dass die Spendenaktion, die uns sehr geholfen hat, so am Pranger steht.“

 

Aber auch von anderer Stelle gab es einen Dämpfer für die Kammerphilharmonie. In das vom Bund aufgelegte Hilfsprogramm mit dem salbungsvollen Namen „Orchester vor neuen Herausforderungen“ hatte man große Hoffnungen gesetzt, gerade weil dieses Programm ausdrücklich an freie Orchester adressiert ist. Doch unter den 27 geförderten Ensembles befand sich die Bayerische Kammerphilharmonie am Ende nicht. „Die Bestimmungen waren knallhart“, empört sich Holub, um förderwürdig zu sein, mussten unter anderem sämtliche Orchestermitglieder der freien Szene angehören. Ob das tatsächlich bei allen der nun Geförderten der Fall ist, dahinter setzt Holub ein Fragezeichen, „ich kenne die Szene gut“.

Neue Spielzeit mit Musik von Sting und Lady Gaga

Denn er selbst gehört dazu als – wie es im behördlichen Corona-Deutsch heißt – sogenannter Soloselbstständiger. Und gerade bei Musikern wie ihm, die keinen sicheren Platz in einem von der öffentlichen Hand unterhaltenen Orchester haben, sondern ihren Lebensunterhalt durch eine Vielzahl von freien Engagements bestreiten, hat der Corona-Lockdown zum abrupten Entzug der ökonomischen Grundlage geführt. Natürlich gab es die Hilfsprogramme, doch da hieß es erst einmal, sich durch dutzende Seiten von Formularen zu arbeiten. Holubs Fazit: „Trotz der vielen Bekundungen: Diese Hilfsprogramme sind kein System, das auf Soloselbstständige wirklich gut eingeht.“ Weshalb er sich gezwungen sieht, sich derzeit überwiegend von den Einnahmen der Partnerin ernähren zu müssen und durch den Vorschuss, den ihm die Gesellschaft für Leistungsschutzrechte gewährt.

Nächste Spielzeit Solisten bei der Kammerphilharmonie: die Geigerin Sarah Christian und Cellist Maximilian Hornung.
Bild: Astrid Ackermann

Doch bei allen Problemen, die mit Corona einhergehen, richtet sich der Blick doch wieder nach vorn. Die alte Spielzeit ist abgehakt, die neue bereits konzipiert. Das Ensemble hat Jubiläum zu feiern, und so sind für die neue Spielzeit sieben Konzerte geplant, wobei die Programme und Künstler der jetzt ausgefallenen Veranstaltungen mit übernommen wurden. Namhafte Solisten sind verpflichtet, die Pianistinnen Evgenia Rubinova und Sophie Pacini ebenso wie Sarah Christian (Violine) und Maximilian Hornung (Cello) oder die Sopranistinnen Roberta Mameli und Simone Kermes – Letztere eröffnet die Saison am 29. September nicht nur mit Arien von Bach und Vivaldi, sondern auch mit Songs von Sting, Led Zeppelin und Lady Gaga. Für Valentin Holub und seine Kollegen wird das dann nach sechseinhalb Monaten Pause das erste Konzert sein.

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