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Bannacker

12.02.2020

Die Boeckers sind die Mäzene im Herrenhaus

Christa und Bernward Boecker genießen die Konzerte, die sie in ihrem Herrenhaus in Bannacker erleben.
Bild: Wolfgang Diekamp

Plus Christa und Bernward Boecker stellen jungen Talenten im Herrenhaus Bannacker einen Saal für Konzerte zur Verfügung. Aber auch arrivierte Musiker waren dort schon oft zu Gast.

Wenn man den großen Saal im Herrenhaus Bannacker heute betritt, kann man sich nur schwer vorstellen, dass hier früher Pferde ihre Runden drehten. Große Gobelins und Gemälde hängen an den Wänden, alte Schränke und Vitrinen stehen an den Seiten und eine kleine Bühne mit einem Flügel weist darauf hin, wie die ehemalige Reithalle heute genutzt wird: als Konzertsaal. Der Cellist Daniel Müller-Schott hat hier gespielt, das Henschel-Quartett ebenso, der Pianist Sebastian Knauer ist schon Stammgast. Viele Veranstaltungen der Konzertreihen „Mozartiade“ und „mozart@augsburg“ fanden hier statt. Doch vor allem ist das Herrenhaus Bannacker zu einem Ort für Künstler geworden, die noch keinen großen Namen haben. Ohne Bezahlung stellen Christa Boecker und ihr Mann Bernward, die Besitzer des Herrenhauses, jungen Musikern den Raum zur Verfügung, damit sie ihre ersten Konzerte veranstalten und die Einnahmen daraus als Gage mit nach Hause nehmen können.

Für die Kultur hatte Christa Boecker immer Zeit

Christa Boecker ist keine Frau, die großes Aufhebens von dieser Art Mäzenatentum machen möchte. In Stuttgart geboren, wuchs sie von klein auf mit Kunst und Kultur auf. „Meine Mutter hat mich und meine Schwester in alle Konzerte mitgeschleppt“, erinnert sie sich. Als Dolmetscherin für Französisch und Italienisch arbeitete sie bei Thyssen in Stuttgart. Doch als sie den Modeunternehmer Bernward Boecker heiratete und nach Augsburg zog, war damit erst einmal Schluss. „Mein Schwiegervater war vom alten Schlag. Er wollte nicht, dass die Frauen in der Familie arbeiteten.“ Als die beiden Söhne Johannes und Clemens geboren waren, gab es sowieso genug zu tun. Für die Kultur fand Christa Boecker trotzdem noch Zeit. Konzert und Theater, ihr Literaturkreis, Ausstellungsbesuche gehörten immer zum Leben der vielseitig interessierten Frau.

In gewisser Weise ist die Förderung von jungen Künstlern eine besondere Form der Gastfreundschaft Boeckers, in deren Genuss viele kommen, die in Bannacker zu Besuch sind – seien es die Billardfreunde ihres Mannes, die sich einen Abend in der Woche treffen, oder die Juroren eines Ballettwettbewerbs und der ehemalige Augsburger Generalmusikdirektor Peter Leonard, die hier eine vorübergehende Bleibe fanden. Auch der bekannte Pianist Josef Bulva konnte sich bei Boeckers einquartieren, als er sich vor Jahren nach einer Handverletzung auf sein Comeback im Herrenhaus vorbereitete. Gerade profitiert übrigens Bulvas Flügel von dieser Gastfreundschaft, weil das Zuhause in Monte Carlo renoviert wird. Er steht jetzt in einer Ecke des Konzertsaals. „Nicht das erste Mal“, wie Bernward Boecker mit einem leicht süffisanten Unterton bemerkt.

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Mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Dass sie für ihre Verdienste, aufstrebende Musiker zu fördern, kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, erwähnt Christa Boecker erst gar nicht. Viel lieber spricht sie in ihrem großen Wohnzimmer, das nur durch ein kleines Foyer vom Konzertsaal getrennt ist, über die Motivation, die sie als Förderin antreibt. „Es liegt mir am Herzen, etwas für junge Menschen zu tun, die haben sonst keine Chance.“ Denn Boecker weiß genau, wie schwer es Musiker, die noch nicht arriviert sind, haben, sich vor Publikum zu präsentieren. „Die müssen ja schon für einen einfachen Pfarrsaal 500 Euro bezahlen“, weiß sie von den Begegnungen, die sie im Rahmen ihrer Arbeit für Live Music Now (LMN) hatte. Boecker ist Gründungsmitglied der Augsburger Sektion des Vereins, der auf den berühmten Geiger Yehudi Menuhin zurückgeht. Weltweit organisiert der Verein Konzerte in Altenheimen, Krankenhäusern, Sozialstationen und Gefängnissen. Sehr beeindruckt habe sie diese „wirklich humanistische Idee“, erzählt Christa Boecker. Aber nicht nur deshalb, weil dadurch Menschen in den Genuss von Musik kommen, die keinen Zugang zu Kunst haben, sondern auch, weil der Verein dafür junge Musiker unter seine Fittiche nimmt und ihnen Auftritte verschafft, für die sie 120 Euro Gage erhalten. Finanziert wird die Unterstützung durch einen Förderverein, Spenden und die Einnahmen aus einem jährlichen Benefizkonzert. Einmal im Jahr veranstaltet LMN eine Audition, bei der aufstrebende Instrumentalisten sich vorstellen können, erzählt Boecker, die bis vor zwei Jahren Vorsitzende von LMN Augsburg war. Der letztjährige Kunstförderpreisträger der Stadt Augsburg, Evgeni Konnov, war zum Beispiel einer dieser Stipendiaten, die es nun zu internationalem Erfolg gebracht haben.

Als sie die Schützlinge des Vereins zu den Konzerten von LMN begleitete, kam sie auf die Idee, den großen Saal ihres Herrenhauses den jungen Musikern zur Verfügung zu stellen. „Wenn man so ein Haus hat, dann sollte man es auch beleben“, war ihre Überlegung. 1994 waren die Boeckers, nach einjähriger Generalsanierung des Herrenhauses, mit ihren beiden Söhnen nach Bannacker gezogen, weil es im bisherigen Domizil in Göggingen zu eng wurde. „Aber dann waren die Jungs auf einmal weg und wir allein in dem großen Haus.“

Das wird nun regelmäßig von Musikern und Konzertbesuchern bevölkert. Etwa zehn bis zwölf Konzerte finden im Jahr statt„Die Veranstalter sind die Künstler selbst“, stellt Christa Boecker klar. Sie bestimmen das Programm und kümmern sich um die Organisation. Einschränkungen gibt es kaum, Christa Boecker ist offen für alles, was den Rahmen nicht sprengt. „Nur für Orchesterkonzerte ist der Raum nicht geeignet“, weiß sie aus Erfahrung. Aber warum nicht auch mal amerikanischer Squaredance im Herrenhaus, hat sie sich erst neulich überlegt, als sie eine derartige Veranstaltung besucht hat.

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