1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Feuilleton regional
  4. Die Mozart-Gesellschaft hat ihr Vermögen verbraucht

Musikpflege

05.11.2019

Die Mozart-Gesellschaft hat ihr Vermögen verbraucht

Brachte Geld, das nun jedoch aufgebraucht ist: das 2008 verkaufte Autograf von Mozarts Klaviervariationen „Ah, vous dirai-je Maman“ (Ausschnitt).
Bild: DMG

Plus Ein Jahrzehnt lang hat die Deutsche Mozart-Gesellschaft ihre Aktivitäten mit dem Erlös eines Handschriftenverkaufs finanziert. Nun sind die Rücklagen aufgebraucht.

Der Vorgang sorgte für Aufsehen. Im Jahr 2008 verkaufte die in Augsburg residierende Deutsche Mozart-Gesellschaft (DMG) die eine bis dato in ihrem Besitz befindliche Originalhandschrift von Wolfgang Amadeus Mozart: Das Autografenfragment der Klavierkomposition „Ah, vous dirai-je Maman“, eine Melodie (bekannt auch als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“) mit sieben Variationen (KV 265/300e). Die finanzielle Situation mache den Verkauf notwendig, lautete damals die Begründung der Mozart-Gesellschaft. Die internationale Stiftung Mozarteum Salzburg, die die Handschrift erwarb, überwies 300000 Euro nach Augsburg.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Elf Jahre sind seither vergangen. Jetzt sind die Rücklagen, die aus dem Verkauf des Autografen gebildet wurden, aufgebraucht. Das teilte DMG-Präsident Thomas Weitzel in einem Brief an die rund 300 Mitglieder der Gesellschaft mit. Zugleich kündigte er an, dass die DMG künftig deutlich kleinere Brötchen werde backen müsse, einige Aktivitäten sogar ganz entfielen.

Eine Anlage des erlösten Betrags war keine Option

Weitzels Vorgänger im Amt des DMG-Präsidenten, Jörg Riedlbauer, hatte dieser Zeitung 2008 zum Verkauf des Mozart-Autografen gesagt: „Das Geld wird angelegt, und die Zinsen werden zur Erfüllung unserer Aufgaben verwendet.“ Doch offenbar ist es dazu nicht gekommen. Zu diesem Sinneswandel befragt, sagt Thomas Weizel, seit 2010 Präsident der DMG: „Eine Anlage des erlösten Betrags war schon vor zehn Jahren keine Option.“ Weitzel, der auch Kulturreferent der Stadt Augsburg ist, führt zur Begründung die niedrigen Zinsen ins Feld, die nicht ausgereicht hätten, um davon die beabsichtigten Tätigkeiten der DMG zu finanzieren.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Weitzel verweist auch darauf, dass die im zurückliegenden Jahrzehnt erfolgte Verwendung der Gelder aus dem Handschriftenverkauf „immer einstimmig“ vom DMG-Vorstand beschlossen worden sei. Im Mitgliederbrief vom Oktober dieses Jahres heißt es dazu, jährlich habe man für Konzerte, Publikationen und andere Aktivitäten der DMG eine Summe von circa 25000 Euro aus den Rücklagen entnommen. Damit, sagt Weitzel, sei „aktive Mozartpflege“ in Augsburg betrieben worden.

Heute gibt es das städtische Mozartbüro

Im bisher erfolgten Umfang wird das künftig nicht mehr möglich sein. So wird es die „Mozart!“-Sonderedition, die unter Federführung der DMG fundierte Texte rund um Mozart erarbeitete und einmal im Jahr dem Klassikmagazin Crescendo beilag, nicht weiter geben. Auch wird das Engagement der Mozart-Gesellschaft für Konzerte wie etwa die Reihe mit der Akademie für Alte Musik Berlin vom kommenden Jahr an nicht mehr möglich sein. Weitzel ist allerdings überzeugt: „Das wird die Mozartstadt Augsburg nicht wesentlich schwächen.“ Er verweist auf das seit vier Jahren bestehende Mozartbüro. Diese städtisch getragene Einrichtung habe mittlerweile die Funktion übernommen, die jahrzehntelang von der DMG ausgefüllt worden sei.

Den Worten ihres Präsidenten zufolge ist der Rückzug der DMG Ausdruck eines Wandels, der die seit 1951 bestehende Gesellschaft in zunehmender Stärke erfasst habe. Jahrzehnte lang finanzierte sich die DMG wesentlich durch die Vergabe des Lizenztitels „Deutsches Mozartfest“ an andere Städte. Zudem zahlten deutsche Mozartgemeinden andernorts Abgaben an die Dachgesellschaft in Augsburg. Beide Finanzmodelle seien mit der Zeit jedoch rückläufig gewesen, sagt Weitzel: „Das Modell hat sich inzwischen überlebt.“ Mit entsprechenden finanziellen Folgen für die DMG in Augsburg – was dann eben schon vor mehr als einem Jahrzehnt dazu führte, dass das Tafelsilber in Gestalt des Mozart-Autografen verkauft wurde.

Die Mozart-Aktivitäten sollen in erster Linie ideell unterstützt werden

Worin aber sieht die Gesellschaft jetzt, wo auch die 2008 erworbenen Rücklagen nicht mehr vorhanden sind, noch ihren Sinn und Zweck? Für Präsident Weitzel ist die DMG nunmehr „ein klassischer Förderverein“, dessen Aufgabe darin liege, die Mozart-Aktivitäten in erster Linie ideell zu unterstützen. In kleinerem Maße – 13000 Euro gehen jährlich durch Mitgliedsbeiträge ein – soll die DMG aber auch weiterhin Präsenz zeigen, wozu etwa die gemeinsam mit der Mädchenrealschule St. Ursula betriebene „Mozartklasse“ gehört.

Beabsichtigt ist auch, die bisher alljährlich in Weikersheim ausgerichtete Mozart-Musizierwoche für junge Musiker künftig in Augsburg stattfinden zu lassen. Darüber hinaus soll die Konzertreihe im derzeit noch geschlossenen, Anfang kommenden Jahres wieder eröffnenden Mozarthauses von der DMG kuratiert werden statt wie bisher von der Regio Augsburg.

War der Verkauf des Autografs zwingend?

Auch wenn die DMG bisher durch Beteiligungen an Konzerten beim Mozartfest und darüber hinaus ihren Beitrag geleistet hat zum musikalischen Leben der Stadt, stellt sich angesichts leerer Töpfe aber doch noch einmal die Frage, ob der Verkauf des Mozart-Autografs vor elf Jahren überhaupt zwingend gewesen ist? Eine Frage, auf die der jetzt amtierende Präsident antwortet, er wisse nicht, „ob es mir überhaupt zusteht, das zu kommentieren“. Immerhin, argumentiert Weitzel, sei durch den Einsatz der Mittel seitens der DMG ein „Markenbildungsprozess“ zugunsten der „Mozartstadt“ Augsburg erfolgt – ein Prozess, der zur Einsicht in die Notwendigkeit eines städtischen Mozartbüros geführt habe.

Der Lauf der Dinge hat es mit sich gebracht, dass die DMG seit 2011 neuerlich im Besitz einer Mozart-Handschrift ist. Ausgerechnet ein weiteres fragmentarisches Autograf zu „Ah, vous dirai-je Maman“, nämlich die Variationen 9, 10 und 12. Ursprünglich im Besitz der Mozartgemeinde Augsburg, gelangten im Zuge einer Fusion der beiden Mozart-Vereine an die DMG. Ein Besitz, der sich versilbern ließe? Thomas Weitzels Antwort klingt entschieden: „Das steht nicht zum Verkauf.“

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren