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Augsburg mit neuem Museum

07.03.2020

Die Rückkehr des Leopold Mozart

Zeitgenössische Instrumente: der Flügel von Johann Andreas Stein vor Drehleier, Dudelsack und Rossschellen im Hintergrund.
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Zeitgenössische Instrumente: der Flügel von Johann Andreas Stein vor Drehleier, Dudelsack und Rossschellen im Hintergrund.

Plus An diesem Wochenende eröffnet das kernsanierte Mozart-Haus im Domviertel unter neuem Namen. Nun widmet es sich in allererster Linie dem Vater des Genies. So triftig wie jetzt war die Präsentation noch nie

„Gefurzt wird allzeit auf die Nacht und immer so, dass es brav kracht.“

So steht es jetzt geschrieben im frisch sanierten und mit neuer Ausstellung eingerichteten Mozarthaus in der Augsburger Frauentorstraße. Es steht so aber geschrieben – unter anderen deftigen analen Reimereien – an passendem Ort: in den Toiletten. Getreulich den Humor der Familie Mozart wiedergebend – wie er in vielen Briefschlüssen erhalten ist. Hauptgegenstand: der Arsch.

Diese Zitate im kernsanierten Mozarthaus – noch ein hübscher Umstand – haben bereits zu einem Missverständnis geführt: Als sie in Schreibschrift aufgebracht waren in Damen- und Herrentoilette, rief das Reinigungspersonal aufgeregt im Kulturreferat an – und erklärte, es müsse über Nacht eingebrochen worden sein, wobei die Toiletten beschmiert wurden... Das Personal konnte beruhigt und von gründlicher Reinigung abgehalten werden.

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Wolfgang Amadeus schienviel stärker als Leopold

Auch dies eine der kuriosen Geschichten rund um das Haus, dass Mozart ja erst seit 1992 vollkommen reserviert worden war, als der damalige Kulturreferent jenen Schuster, der im Erdgeschoss seinem ehrbaren Handwerk nachging, kurzerhand vor die Tür setzte – um hernach darüber nachdenken zu lassen, was mit den Räumen geschehen könnte. So zog Wolfgang Amadé viel präsenter in eine komplette Erinnerungsstätte ein, als – an seinem eigenen Geburtsort – der Vater Leopold. Von der Marke WAM versprach man sich eben mehr...

Die neben den Toilettenzitaten vorerst letzte kuriose Geschichte um das Mozarthaus ist die, dass es 2019, im Leopold-Mozart-Gedenkjahr (300. Geburtstag), komplett geschlossen war. Was wie ein Schildbürgerstreich wirkte, war aber weiß Gott nicht nur städtische Behäbigkeit, sondern auch Folge unvorhersehbarer Sanierungs- und Sicherungsnotwendigkeiten. Das Haus war feucht und wird weiter unter aufsteigender Feuchtigkeit leiden. Jedenfalls trat mit den Gegebenheiten jener deutsche Klassiker ein, dass ein Neubau/eine Sanierung mit Verspätung fertig wird, dafür aber teurer ausfällt.

Das beste Mozart-Haus,das Augsburg je hatte

Gut immerhin, dass nicht die Dimensionen von Berliner Staatsoper und Hamburger Elbphilharmonie erreicht sind. Und doch gibt es Parallelen: Wenn jetzt in Berlin und Hamburg publikumsziehende Schatztruhen stehen, dann hat Augsburg für 1,2 Millionen Euro zumindest ein behindertengerechtes Schatzkästlein einschließlich externer Feuertreppe. Ein Schatzkästlein, dem mehr als 10000 Besucher pro Jahr zu wünschen sind. Die Stadt gab die Hälfte der Summe, eine Stadtsparkassen-Stiftung, der Bezirk Schwaben und hochherzige Spender folgten.

Das renovierte Leopold-Mozart-Haus in Augsburg zeigt seine neue Ausstellung.
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Die neue Ausstellung des Mozarthauses in Augsburg
Bild: Ulrich Wagner

Von nun an also trägt das Haus korrekt den Namen Leopold-Mozart-Haus. Um mit der Tür in dasselbe zu fallen: Es ist durchaus edel herausgeputzt (weniger wichtig); es ist modern eingerichtet (hinsichtlich auch spielerischer Vermittlung durchaus geboten); es ist eine Fundgrube historischen Wissens bezüglich Leopold, Augsburg, Sozial- und Musikgeschichte (ganz wichtig!). Wer etwas begreifen, verstehen, lernen will, erhält Stoff für sicherlich eineinhalb Stunden. Das neue Leopold-Mozart-Haus ist – guten Gewissens – das beste Mozart-Haus, das Augsburg je hatte.

Ein barockes Zimmertheatermit Wirtshausbestuhlung

13 Räume sind dafür mit elf Spezialthemen präpariert, einige davon außerordentlich originell. Das Konzeptionsteam Johannes Hoyer (Uni Augsburg), Simon Pickl, Ute Legner (beide Kulturamt), Kunsthistoriker Ulrich Heiß und das Gestaltungsbüro „unodue“ legten Wert auf die Zielgruppe 6 – 99. Und so kann ab diesem Samstag, 15 Uhr, die Öffentlichkeit den Lebensweg eines Menschen nachvollziehen, der weit mehr war als der Vater von Amadé.

Erste Station: das Jesuitenkolleg St. Salvator, wo der Vierjährige bereits auf der Bühne stand und es bis hin zu einer Sängerhauptrolle brachte – wozu als Illustration u. a. ein barockes Zimmertheater mit österreichischer Wirtshausbestuhlung eingerichtet ist (35 Plätze) – auch für die künftig dort stattfindenden Konzerte. Die freie paritätische Reichsstadt Augsburg mit 32000 Einwohnern war Leopolds Umfeld, und hier lernte er bis 1737, seinen Umzug nach Salzburg, die Grundzüge seiner strategischen Denkungsart: Er achtete auf seinen Habitus (ein Raum zu Kleidung und Ständegesellschaft), er suchte die Freundschaft einflussreicher Menschen, er verkaufte seinen Sohn später, je nach Wirkungskraft, mal als Wunder Gottes, mal als Wunder der Natur. Der Mann war gewitzt.

Man lese! Man sehe!Man höre!

Vor allem aber war er Musiker und Musikpädagoge. Wir sehen und hören Instrumente seiner Kompositionen „Bauernhochzeit“ und „Schlittenfahrt“; die Stadtbibliothek Essen hat sich von einer Erstausgabe der Violinschule (1756) getrennt; an einem Spieltisch kann eines seiner Menuette nachgebastelt werden; und wie schwierig es ist, die Geige zu beherrschen, darf betrachtet oder auch tätlich ausprobiert werden. Dazu kommt ein Themenkreis Europareisen (einschließlich Reisekutsche mit Hörstation) sowie ein sogenannter Sinnesraum, in dem bei Dunkelheit, konzentriert, spätbarocker Musik auf ihre heutige Wirkung hin nachgelauscht werden kann.

Man lese, man sehe, man höre.

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