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Brechtfestival

24.02.2020

Die neuen Brechtfestival-Chefs zeigen, dass sie es können

Das Regie-Duo Tom Kühnel (links) und Jürgen Kuttner hat erstmals das Programm für das Brechtfestival zusammengestellt.
Bild: Bernd Rottmann

Plus Tom Kühnel und Jürgen Kuttner haben dem Brechtfestival einen eigenen Dreh gegeben. Noch immer wissen sie nicht, ob sie auch nächstes Jahr verantwortlich sind.

„Den Vorhang zu und alle Fragen offen“, wie oft hat man das nicht gehört und gelesen, Brecht sei Dank, Reich-Ranicki sei Dank. Und es ist so treffend für das diesjährige Brechtfestival, das am Sonntagabend mit einem Eisler-Liederabend mit Maren Eggert, Ole Lagerpusch und der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot im Martinipark sein Ende gefunden hat. 6000 Zuschauer sind an den 10 Tagen zum Festival gekommen, so viel wie im Vorjahr. Noch kann aber niemand mit Sicherheit sagen, ob das Regie-Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, das erstmals die künstlerische Leitung des Festivals übernommen hat, auch 2021 und 2022 das Festivalprogramm zusammenstellen wird.

Der Augsburger Stadtrat und der Kulturausschuss haben es sich vorbehalten, den beiden erst einmal nur einen Vertrag für ein Jahr zu geben, sozusagen eine Probezeit. Zwar möchte man das Festival in einem dreijährigen Turnus mit einer neuen künstlerischen Leitung versehen. Gleichzeitig schreckt man davor zurück, gleich am Anfang einen Vertrag für drei Jahre aufzusetzen.

Dieses Prozedere führt zu einer paradoxen Situation. Wenn die Stadt sich nicht bald entschließt, den Vertrag mit Kühnel und Kuttner zu verlängern, fehlt den beiden der nötige Vorlauf, um das Festival-Programm 2021 zusammenzustellen. Vor allem wird es für sie schwierig, gefragte Künstler für Augsburg zu finden, geschweige denn, den eigenen Terminkalender freizuhalten. Denn in Deutschlands Theaterszene sind die beiden gefragt.

Die neuen Brechtfestival-Chefs zeigen, dass sie es können

Anfang März tagt der Kulturausschuss das nächste Mal

Verhandelt wird aller Voraussicht nach in der Sitzung des nächsten Kulturausschusses am 2. März. Wiewohl es eigentlich wenig zu verhandeln gibt, weil eine Nichtverlängerung bedeuten würde, dass in dieser Sitzung dann ein anderer Festivalleiter gewählt werden müsste, damit dieser den nötigen Vorlauf hat. Dieses Szenario wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht geschehen.

Was geschehen könnte, wäre die Entscheidung, sich aus formalen Gründen nicht mehr zu entscheiden. Im März tagt der Kulturausschuss- das letzte Mal vor der Kommunalwahl und würde just in dieser Sitzung noch eine weiter reichende Entscheidung treffen, diese dem künftigen Kulturausschuss nehmen. Da der neue Stadtrat allerdings erst im Mai die Geschäfte übernimmt, hieße das, nur noch neun Monate oder weniger Zeit zur Vorbereitung zu haben. In diesem Fall würden Kuttner und Kühnel nicht mehr zur Verfügung stehen, wie sie signalisieren. Und das würde bedeuten, dass das Festival nach dem erfolgreichen Jahrgang 2020 einfach auch ausfallen könnte und das wäre ein kulturpolitisches Desaster.

Währenddessen könnte es so einfach sein. Denn die neuen künstlerischen Leiter haben dem Brechtfestival einen eigenen Dreh gegeben und mit den beiden Spektakel-Tagen ein neues Format geschaffen. Ihr Hauptaugenmerk lag nicht darin, ein Festival zu kuratieren, also nicht darin, auf ausgiebige Theaterreise quer durch Deutschland zu gehen, um Theater-Gastspiele von anderswo nach Augsburg einzuladen. Vielmehr animierten Kuttner und Kühnel Künstler, mit eigenen, oft auch neuen Produktionen zum Brechtfestival zu kommen.

Festivalatmosphäre pur, wie lange hat man sich in Augsburg danach gesehnt?

Manche Auftritte hatten etwas Improvisiertes, einige wenige etwas Uninspiriertes, aber gleichzeitig hatte das jede Menge Charme und Spontaneität. Es ging in Augsburg um Brecht. Die Künstler bezogen oft politisch Stellung. Am Ende der Spektakel-Tage sah man die Gäste von auswärts im Martinipark in Unterhaltungen mit anderen. Festivalatmosphäre pur, wie lange hat man sich in Augsburg genau danach gesehnt? Das hatte einen Hauch des letztmals 2008 stattgefundenen abc-Festivals Albert Ostermaiers, obwohl es jetzt im kalten Februar und nicht im Juli stattgefunden hat.

Spektakel Vol. II: So lief der vorletzte Tag des Brechtfestivals ab.
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Brechtfestival Spektakel Vol. II: Das war der Samstag
Bild: Bernd Rottmann

Schön war zu beobachten, wie durchmischt das Publikum an den Spektakel-Tagen war, von Jung bis Alt kam alles zusammen, eine Mischung, die es in Augsburg bei kulturellen Veranstaltungen nicht oft zu sehen gibt. Diese Entwicklung setzte beim Brechtfestival übrigens schon unter dem vorigen Leiter Patrick Wengenroth ein.

Woran liegt es also, dass die Vertragsverlängerung mit Kühnel und Kuttner so schleppend verläuft? Hinter vorgehaltener Hand ist öfters zu hören, dass sich vor allem die Stadträte der CSU zieren. Mit Kühnel und Kuttner hat Augsburg zwei Regisseure verpflichtet, die streitbar und auch provokant sind. Wenn Kuttner die Vereinnahmung Brechts durch die SED mit der Vereinnahmung Brechts durch die Augsburger CSU vergleicht, dürfte das den meisten in der Partei sauer aufstoßen.

Nur sollte man immer auch sehen, dass die beiden Regisseure keine Dogmatiker sind, auch wenn sie behaupten, dass Brecht ein Kommunist war. Dafür sind sie zu schlau, dafür machen sie anderen Künstlern keine Vorgaben im Umgang mit Bertolt Brecht. Stattdessen sollte man sehen, dass es ihnen ein großes Anliegen ist, mit Brecht – bei aller intellektueller Auseinandersetzung – erst einmal zehn Tage lang Spaß zu haben. Bitte mehr davon in den Jahren 2021 und 2022, die Stadt hat für künftige Brechtfestivalleiter ja noch keine ausufernde Warteliste, es ist ja andersherum ziemlich schwierig, für diesen sehr speziellen Job jemanden zu finden. Und Kühnel und Kuttner haben eben bewiesen, dass sie es können.

Mehr über das Brechtfestival 2020 lesen Sie hier:

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