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Ausstellung

06.07.2020

Die verborgenen Töchter der Synagoge

Den Blicken der Männer entzogen waren einst in der Synagoge die Frauen. Nun lässt die Künstlerin Nina Zeilhofer raumhohe schwarze Kleider von der Empore herabgleiten, um die verborgenen Töchter sichtbar zu machen. Und Norbert Kienings Spiegel im Thoraschrein erfasst den gesamten Raum.
Bild: Norbert Kiening

In der ehemaligen Synagoge Kriegshaber machen sich Künstlerinnen auf Spurensuche. Sie entdecken „Die unsichtbare Frau“.

Im Gottesdienst der Synagoge waren sie unsichtbar. Frauen durften daran nur abgetrennt durch Gitter oder auf der Empore abseits der Blicke der Männer teilnehmen. Dieser den Frauen zugewiesene Platz sagt ebenso viel über ihren religiösen Status in der jüdischen Gemeinde wie über soziokulturelle Vorstellungen zur Rolle der Frau aus. Die Frauen – die trotzdem da waren – sichtbar zu machen, unternimmt eine Kunstausstellung in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber. Sie passt exakt ins Jahresthema „Feminismus“ des Jüdischen Museums – und deutet den historischen Raum der Synagoge auf eigene Weise.

Die überwiegend weiblich besetzte Jury - Ausstellungsgestalter Josef Zankl stimmte auch mit - hatte reiche Auswahl unter 200 Einreichungen. „Jede Arbeit hat eine Seele und ist ein starkes Statement“, meinte Jurorin Turid Schuszter. Es sind Aspekte des Verborgenseins von Frauen und des kraftvollen Aufbegehrens dagegen.

Die künstlerischen Interventionen im Hauptraum der Synagoge könnten nicht dezenter und zugleich desto wirkungsvoller sein. Norbert Kiening setzt einfach einen Spiegel in die leere Nische des Thoraschreines. Als wäre er immer schon da gewesen. Dieser Spiegel verortet nicht nur den Besucher in diesem Gebetsraum, dessen Bestandteil er durch seine Anwesenheit geworden ist. Der Spiegel lenkt auch den Blick hinauf auf die umlaufende Empore. Auch die, die einst dort oben saßen, werden somit in das Gesamtbild einbezogen. Und zur Verstärkung lässt Nina Zeilhofer raumhohe, schwarze Kleider („Raschis Töchter“) aus luftigem Chiffonstoff von den Emporen hinab in den Raum gleiten.

Im Treppenaufgang überrascht eine kleine Betonskulptur

Man erzählt sich, der mittelalterliche jüdische Gelehrte Raschi habe nur drei Töchter gehabt. Ihnen gab er, gegen alle Tradition, ohne Bedenken sein ganzes Wissen weiter, indem er sie lesen lehrte, und sie wurden ebenso wie Männer zu Vermittlerinnen des Judentums. Zeilhofers Kleider zeigen zwei Richtungen an: Sie fallen aus dem Verborgenen herab und steigen gleichermaßen aus dem öffentlichen Bezirk auf. Dabei wirken sie leicht wie der Wind, wie der Anhauch des Geistes – „bewusst weiblich“, sagt die Künstlerin. Und sie ergänzt diese Weiblichkeit auf der Empore mit Objekten, die typisch fraulich sind: Stickerei, Haarsträhnen, Seife, eine Kassette für kleine Schätze.

Im Treppenaufgang zur Empore hat Nicole Gruber in einen Hohlraum ihre kleine Betonskulptur „Treiben“ platziert: eine Frau im Wasser, zwischen den Elementen, eingetaucht und aufgetaucht. Gruber spielt aufs Thema Reinheit/Unreinheit an, das bei Frauen in ihrer religiösen Praxis allmonatlich wichtig wird. Aber auch Gedanken wie die selbstbewusste Behauptung inmitten von Fluten, die Respekt und Anerkennung einfordern, kommen hier ins Bild. Gisela Frank reflektiert in ihrer Arbeit „3 Frauen“ die Unterschiede dreier Generationen. Sie kontrastiert ihre Aussage, indem sie einerseits die Frauen in einem Kästchen hinter Lochblech verbirgt und andererseits ihre Bilder auf luzide Luftpolster aufträgt. Was hindert sie, sich frei zu entfalten? Welche Träume bewegen sie? Wie kommunizieren sie miteinander?

Brigitte Weber vervielfältigt die unterschiedlichen Entwürfe weiblicher Existenz in der Serie „#Frauenbilder“. Vier mal sieben Collagen füllen multiperspektivisch den Bogen. Die Reihe ließe sich gewiss fortsetzen und verneint, dass es nur ein bestimmtes Rollenbild gibt. Dasselbe Ziel verfolgt Anna Huxel in ihrer „Mindmap“, einer comicartigen Geschichte mit spitzfindigen Gedanken über das Geschenk einer Spülbürste und Reflexionen auf die starken Frauen der hebräischen Bibel wie Esther, Mirjam oder Sarah.

Auf dem Kinobanner prangt die rote Lady Liberty

Im Entree der Ausstellung geht Verena Kandler mit „Lady Liberty“ in die Vollen: Es ist die ikonische Verwandlung einer Filmschauspielerin in eine kraftvolle Göttin im Strahlenkranz. Als Bildträger wählte die Künstlerin ein Kinobanner, das sie durch ihre Übermalung verfremdete. Eine futuristische Powerfrau tritt uns entgegen, gemalt in blutvollen Rottönen, angetan mit einer Kampfmontur und eingerahmt von einem zackigen Kranz. Diese junge Frau kuscht vor niemandem.

Fast könnte man bei dieser Dominanz die illustrative Papierarbeit von Anna Maria Moll übersehen. Ebenso ruhig ist das Bild von Olga Mos. Sie kehrt „In sich“ in ihrem Gemälde. Das heißt, sie unterbricht eine schwarze Fläche mit unregelmäßigen horizontalen Farbbändern. Jedes davon ist individuell gestaltet in Form und Farbe, es ruht mithin in sich. Nur oberflächlich betrachtet handelt es sich bei der Komposition um ein einheitliches Muster.

Do. bis So. 14–18 Uhr, die nächsten Führungen sind am 12. und 26. Juli, jeweils um 15 Uhr (Anmeldung: Tel. 0821/513658). Führungen für Gruppen sind zu buchen unter Telefon 0821/44428717.

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