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Ausstellung

11.11.2019

Diese Bilder konfrontieren den Betrachter mit der Nachkriegsgeschichte

Dunkel und schemenhaft zeichnete sich der Leipziger Künstler Arno Rink selbst in seinen Bildern, wie hier in „Aufstieg II“, und drückt damit seine Zweifel und Desillusionierung aus.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Die Galerie Noah präsentiert eine Werkschau mit Bildern von Arno Rink. Bis Mitte Dezember sind die Werke des Leipziger Malers dort zu sehen.

Mit einem interessanten Abschnitt deutscher Nachkriegs-Kunstgeschichte konfrontiert die Galerie Noah in ihrer neuen Ausstellung über Arno Rink – und damit mit interessanten Bildern, an denen man sich festsehen kann.

Arno Rink (1940-2017), der sächsische Maler, war ein Urgestein der Leipziger Schule – Schüler von Bernhard Heisig, Lehrer von Neo Rauch und vielen anderen an der HGB (Hochschule für Grafik und Buchkunst) Leipzig. Er teilte nicht die Kriegserfahrung von Heisig, Werner Tübke oder Harry Blume, dazu war er zu jung, aber er war wie sie dem Ideal eines neuen, friedlichen, sozialistischen Deutschlands verbunden, einem Staat der Arbeiterklasse, für die eine neue Kunst gelten sollte. Sozialistischer Realismus – das war die Leitlinie, an die sich auch Rink hielt, allerdings über die Jahre zunehmend unsicherer. Hielt er sich zunächst noch fest an Bildmotiven des Arbeiter- und Bauerngenres wie Kolchose, Tagebau in Russland, Lied von Oktober, Tod des Kommunarden, malte diese so leicht verständlich, gegenständlich abgebildet und wiedererkennbar, wie es das Ideal vorschrieb, so ließ er ab den 1970er Jahren die Leitlinie immer mehr los.

Arno Rink machte sich und seine Arbeit zum Thema

Aktdarstellungen, mediterrane Landschaften, Szenerien in fast surrealer Manier markieren seine Suche nach individuelleren Ausdrucksformen, die Kompositionen werden weniger starr, die Farben gedeckter. Diese oft dumpfe, gebrochene Farbigkeit zeigt vielleicht, dass Rinks Weg hinaus aus der festen Umarmung der systemtreuen Kunst auch mit Verlust und Melancholie zu kämpfen hatte, dass er auch Verstellung erforderte. Das Tuch, der Schleier, der sich jetzt in vielen Arbeiten über Teile des Bildgeschehens legt, ist wohl als Symbol des Verbergens auch in politischer Hinsicht zu werten. Dabei machte Arno Rink in der DDR durchaus Karriere, wurde Rektor der HBG, hatte die Möglichkeit zu Auslandsreisen. Und doch hat er sich von Weggefährten und Lehrern, von der Umklammerung der erfolgreichen Leipziger Schule gelöst. Ein Bild von 1989, also schon aus der Wendezeit, illustriert das. "Wir sitzen alle im selben Boot", Heisig, Tübke, Mattheuer, Sitte, und Rink ist nur in Rückenansicht dabei, er hat sich schon abgewendet.

Diese Bilder konfrontieren den Betrachter mit der Nachkriegsgeschichte

Dieses Bild ist in der Galerie Noah nicht zu sehen. Wohl aber ein anderes aus dem Wendejahr, "Brennende Leitern", eine Arbeit aus einer ganzen Serie von Brand-Bildern, die Arno Rinks Selbstzweifel, seine Desillusionierung ausdrücken. Ich verbrenne meine Bilder, denn die Kunst ist sinnlos, muss er wohl damals gedacht haben. Ein anderes Bild aus dieser Zeit, "Aufstieg II", zeigt ihn selbst, ein dunkle, schemenhafte Figur, abgewandt von seinem Motiv, einer hell beleuchteten, kopfüber aufgehängten oder stürzenden Figur.

Dunkle Figuren tauchen oft auf bei Rink, und ebenso die Selbstporträts. Er macht sich und seine Arbeit selbst zum Thema, Malen ist für ihn ein Mittel der Selbstreflexion, und man spürt: Er war einer, der es sich nicht leicht gemacht hat. Am Realismus in der Malerei wollte er unbedingt festhalten, "Realismus ist für mich Lustgewinn, so und nicht anders, ich will es so", sagte er mal trotzig – und arbeitet dennoch lebenslang daran, die realistische Darstellung intelligent, fantasievoll, hintergründig zu verfeinern. Die Atelierbilder aus den letzten Lebensjahren, die in der Galerie zu sehen sind, sprechen von beharrlicher Arbeit, oft im Düsteren, nicht vom hellen Genieblitz erleuchtet. Die Strandbilder (von 1989 bis 2006) lassen ungezügelte Fantasien ebenso wie Albträume erscheinen.

Mit Serien zu biblischen Themen (Lot, Judith) verbindet Rink den weiblichen Akt mit albtraumhaften Visionen, der Körper, die Haut scheinen Projektionsflächen für Verletzung ebenso wie für Rachegelüste zu sein, das Tuch, das hier wieder in Szene tritt, verbirgt dies kaum. Gedachtes tritt oftmals ins Dargestellte, wenn Malerei mit Zeichnung einen Dialog führt – intelligente Linien fordern zum Mitdenken heraus. Aufgeraut, beschädigt wirkt oftmals die Haut – besonders stark beim Frauenbild "Heller Wahn" von 1986.

Ein hervorragender Katalog ergänzt die Ausstellung

Die Retrospektive, die Galeristin Wilma Sedelmeier zusammen mit Arno Rinks Witwe Christine zusammengestellt hat, entfaltet einen starken Sog, auch deshalb, weil genügend Platz für großzügige Hängung vorhanden ist, um die Fernwirkung der Bilder zu ermöglichen. Nur schade, dass die Retrospektive nur bis in die 1980er Jahre zurückschaut, man hätte auch frühere Arbeiten Rinks gern im Original gesehen. So muss die zeit- und kunsthistorische Einordnung mithilfe des hervorragenden Leipziger Katalogbuchs ("Arno Rink Ich male") geschehen, das in der Galerie ausliegt.

Als Ergänzung zur Rink-Schau bietet Wilma Sedelmeier ein Konvolut von Kleinbronzen und Holzschnitten des auch von den Augsburgern sehr geschätzten Markus Lüpertz an, allesamt den Sternzeichen gewidmet. Mit Blick aufs Weihnachtsgeschäft sicher eine sinnvolle Entscheidung.

Geöffnet: Di. bis Do. von 11 bis 15 Uhr, Fr., Sa., So. von 11 bis 18 Uhr; Dauer: bis 15. Dezember

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