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Augsburger Philharmoniker

06.09.2018

Domonkos Héja: „Wer mit Kultur lebt, hat ein reicheres Leben“

Generalmusikdirektor Domonkos Heja
Bild: Ulrich Wagner

Generalmusikdirektor Domonkos Héja will mehr und vor allem jüngere Menschen für klassische Musik begeistern. Für diese Mission startet er nun ein Pilotprojekt

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz der letzten Spielzeit aus?

Domonkos Héja: Es war schwer für uns. Es war die allerschwerste Spielzeit. Nicht wegen des Umzugs, sondern wegen der neuen Spielstätten. Im Martinipark war es am Anfang sehr schwer für uns. Dadurch, dass das Orchester nicht im Graben sitzt, muss man wahnsinnig vorsichtig sein.

Eine große Umstellung für alle?

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Héja: Eine riesige. Meiner Meinung nach, spielt und klingt das Orchester supergut. Ich bin ein „Fan“ der Augsburger Philharmoniker. Um die Schwierigkeit mit dem Martinipark zu erklären, nehme ich gern ein Beispiel: Wenn man ein richtig gutes Pferd hat, muss man es manchmal einfach laufen lassen. Auch ein Orchester muss manchmal einfach so spielen, wie es spielen will und kann. Dazu gehört eine gewisse Lautstärke. Das kann man im Martinipark aber nicht machen, oder wirklich begrenzt, weil sonst die Fenster aus den Wänden fliegen würden. Die Musik kann dort unglaublich schnell zu laut werden. Wir müssen dort immer doppelt vorsichtig sein. Ich glaube, dass wir das jetzt gut geschafft haben, die Balance zu halten und die Sänger auf der Bühne leben und singen zu lassen. Aber das war sehr, sehr, sehr viel harte Arbeit.

Herr Héja, Sie haben eine Publikumsbefragung durchgeführt. Warum haben Sie das gemacht?

Héja: Das hatte mehrere Gründe. Ich wollte das Publikum besser kennenlernen. Als ich in Ungarn mein Orchester gegründet habe, hatte ich einen sehr guten und persönlichen Kontakt zum Publikum. Deshalb wollte ich meine Augsburger Zuhörer befragen. Mich hat interessiert, welche Musik unser Publikum hören möchte. Wir haben eine Vorstellung, wie ein gutes Programm aussieht. Jetzt wollte ich den Anspruch, die Wünsche des Publikums hier kennenlernen. Das Ergebnis dieser Umfrage ist das Programm der nächsten Spielzeit. In der letzten Zeit habe ich von mehreren namhaften Musikern gehört, dass sich die Zeit der klassischen Musik ihrem Ende nähert. Ich bin der Meinung, dass sie nicht sterben wird, sondern dass wir sie jetzt in dieser intellektuell überlasteten Welt ausgesprochen benötigen. Das ist meine Mission, den Glauben daran zurückzugeben. Meiner Meinung nach müssen wir das neue Publikum nicht jagen, sondern die Musikliebe vergrößern.

Wie war die Resonanz?

Héja: Die fröhliche Rückmeldung, die Musikliebe und Offenheit des Publikums hat mich sehr beeindruckt. Konstruktive Kritik gab es zum Beispiel an der Parkplatz-Situation am Kongress am Park, aber das können wir als Theater ja nicht verbessern. Ein Wunsch war auch, ob wir mit einem Konzert früher beginnen können. Ich weiß genau, dass viele ältere Menschen wegen des späten Termins nicht kommen. Wenn es länger geht, kommen die Besucher schwer nach Hause.

Was kam bei der Auswertung des Durchschnittsalters Ihres Publikums heraus?

Héja: Das durchschnittliche Alter liegt bei über 60 Jahren. Das finde ich einerseits super, weil man sicher sein kann, dass das Publikum schon eine gewisse Reife hat. Unser Publikum ist wirklich interessiert und hoch qualifiziert; andererseits zeigt es, dass wir unser Publikum noch mehr einbeziehen müssen. Vielleicht gelingt es so, durch die Erfahrung des Publikums die nächste Generation für unsere Konzerte zu gewinnen. Es zeigt auch, dass wir noch mehr für jüngere Zuschauer machen müssen.

An was denken Sie da?

Héja: Mein Traum ist, ab übernächster Spielzeit oder noch eine Spielzeit später eine Konzertreihe für jüngere Leute zusätzlich anzubieten. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Kinder, die bis zum Alter von zehn Jahren nie mit klassischer Musik zu tun hatten, nur noch sehr schwer einen Zugang zu klassischer Musik finden. Das heißt, dass die Kinder viel mehr Eindrücke klassischer Musik bis zur vierten Klasse bekommen müssen.

Die Augsburger Philharmoniker haben doch schon Projekte an Schulen?

Héja: Wir gehen mehrmals im Jahr an Schulen mit fünfzigminütigen moderierten Konzerten, die super sind und auch gut funktionieren. Das Problem ist dabei, dass wir die Schulen und Schulklassen immer wechseln und uns die Kinder nur ein Mal im Jahr, vielleicht auch nur alle zwei Jahre hören.

Wo ist das Problem?

Héja: Gleich am Anfang, als ich mich hier im Kulturausschuss vorgestellt habe, habe ich gesagt: Dass diese Schulkonzerte fast nur für die Statistik gut sind. Wenn wir damit etwas für die Zukunft erreichen wollen, müssten wir die Kinder viel öfter treffen. Erst dann kann sich eine nachhaltige Begeisterung für klassische Musik einstellen.

Wie stellen Sie sich das vor?

Héja: Ich probiere das jetzt in Fischach aus. Dort wohne ich. Ich möchte dort ein Projekt über ein Schuljahr hinweg machen. Am Ende soll eine gemeinsame Aufführung stehen.

Mit professionellen Musikern und Schülern?

Héja: Ja. Entscheidend für alles ist die persönliche Verbindung und die Regelmäßigkeit. Wenn ich erreichen möchte, dass die Kinder später einmal die Fähigkeit haben, die Musik zu spüren, ist es das Beste, Musik und Tanz zu kombinieren – und deshalb möchte ich auch ein bisschen Tanz einbeziehen, damit sie singen und sich dabei auch bewegen.

Fischach ist jetzt ein Test für Sie?

Héja: Ich würde es lieber Pilotprojekt nennen. Es gab die Möglichkeit, auch durch die Offenheit der Schuldirektorin. Später würde ich das sehr gerne auch in Augsburg für Schulen anbieten. Ich habe mir vorgestellt, wie toll es wäre, wenn wir bei einem Philharmoniker-Konzert wie jetzt bei den Sommernächten vor St. Ulrich mit einem riesigen Chor aus 800 oder 1000 Schülern gemeinsam spielen. Das wäre ein Happening. Dafür müssen die Kinder aber nicht regelmäßig in einem Chor singen – ich möchte nicht unbedingt große Chorwerke aufführen mit Kindern. Die Hauptsache dabei ist, dass viele Leute gemeinsam singen.

In einer Werkausschuss-Sitzung des Theaters haben Sie den Stadträten auch ein Konzept für eine zweite zusätzliche Konzertreihe ans Herz gelegt. Was hat es damit auf sich?

Héja: Die älteren Jugendlichen ab zehn, vielleicht auch 15 oder 18 Jahren muss man anders erreichen. Da stelle ich mir eine Konzertreihe vor, in der wir immer jemanden einbeziehen, den die jungen Menschen sehr gut kennen. Das kann ein bekannter DJ oder ein Popmusiker sein. Unser junges Publikum soll spüren, wie schnell man die Unterschiede zwischen Popmusik und klassischer Musik entdecken kann. Ich höre zu Hause auch gern und viel Popmusik. Und hinterher sage ich immer: Oh Leute, das ist so einfach.

An was für Musik denken Sie?

Héja: Zum Beispiel auch an Filmmusik. Sie ist stark sinfonisch, aber dadurch, dass die Musik nicht so schwer zu verstehen ist oder aber schon bekannt ist, ist das auch ein Weg zu den Zuhörern.

Eigentlich müssten Sie ja eher schon an die Musik von Fernsehserien gehen?

Heja: Ich habe wahnsinnig viele Serien gesehen. Ich finde, dass „Twin Peaks“ – diese Ur-Serie – sehr gute Musik hat, auch „Game of Thrones“, das ist wirklich gute Musik, und „The Vikings“. Allgemein ist da bei amerikanischen Serien ansonsten eher nicht so gute Musik zu finden.

Wieder zurück: Auf dem Gewinnen eines jungen Publikums für die klassische Musik liegt in den nächsten Jahren ein Hauptaugenmerk von Ihnen?

Héja: So ist es. Auf jeden Fall. Das sehe ich als eine Mission an.

War das Thema bei Ihrer Vertragslängerung?

Héja: Nein.

Sie bleiben bis 2022.

Héja: Noch vier Jahre, das ist schon eine Perspektive, in der wir etwas bewegen können. Ich glaube, dass es nicht so wahnsinnig schwer ist, für solche Projekte Unterstützer zu finden. Und wenn man ein bisschen tiefer nachdenkt: Es ist auch für die Gesundheit der Menschen gut, wenn sie mit Kultur infiziert sind – sagt man das auf Deutsch so?

Infiziert ist zweideutig.

Héja: Ich meine die gute Bedeutung. Die Menschen, die mit Kultur, mit Musik leben, haben ein viel reicheres Leben. Und wenn die Seele gesund ist, hat der Körper auch mehr Chancen, gesund zu sein. Das ist doch ein schönes Schlusswort. (lacht)

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