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Interview

08.05.2018

Dorothee Oberlinger: Blockflöte zielt direkt ins Herz

Ist in der Region bestens bekannt: Die Echo-Klassik-Preisträgerin Dorothee Oberlinger.
Bild: Konzertverein (Archiv)

Dorothee Oberlinger gehört zu den Virtuosen der Blockflöte. Im Interview erzählt sie, was sie an dem vermeintlichen Einsteigerinstrument fasziniert.

Frau Oberlinger, für die meisten Menschen ist die Blockflöte der Einstieg ins Musizieren, um schnell auf ein anderes Instrument umzusteigen. Warum sind Sie bei der Blockflöte geblieben?

Dorothee Oberlinger: Vielleicht, weil ich nie das Trauma erfahren habe, im großen Verband mit anderen quietschigen Blockflöten zu lernen und mit einem Lehrer, der das Instrument nicht richtig spielen konnte. Wobei ich sagen muss, dass es heute großartige Lehrer gibt, die ihren Unterricht sehr gut gestalten.

Wie wurde Ihre Faszination für die Blockflöte geweckt?

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Oberlinger: Ich bin in einem angenehmen Rahmen damit aufgewachsen, im Elternhaus: Meine Mutter, selbst Querflötistin, brachte aus einem Urlaub eine Blockflöte mit. Wir haben uns das zusammen beigebracht. Das war ein sehr natürlicher Zugang – nicht nur zur Flöte, sondern zur Musik überhaupt. Ich habe auch viele andere Instrumente gespielt, aber die Flöte war das Instrument, bei dem man mich nie dazu anhalten musste zu üben. Es war von Anfang an eine Anziehungskraft da. Das hatte bestimmt auch damit zu tun, weil es ein archaisches Instrument ist, mit dem man viel machen kann. Es hat einfach nur Löcher, keine Klappen. Es ist aus einem natürlichen Material, es hat kein Rohrblatt, man bläst direkt hinein und hat einen direkten Kontakt zu dem Instrument. Es ist eine Art, Musik zu machen, wie es auch bei Sängern der Fall ist.

Überträgt sich der direkte Kontakt zum Instrument in den Konzerten auch auf das Publikum?

Oberlinger: Vielleicht haben die Zuhörer in meinen Konzerten die Blockflöte vorher nie so erlebt, als wunderbar warm klingendes, aber auch extrem virtuoses Instrument. Schon die Barockkomponisten wie Bach, Vivaldi und Händel haben gewusst, dass das ein Instrument ist, das direkt ins Herz zielt, und haben die Flöte bei Szenen eingesetzt, in denen es um Engel oder um Liebe und Tod ging.

Welche Herausforderungen stellt die Blockflöte an den Musiker?

Oberlinger: Dadurch, dass die Blockflöte ein so direktes Instrument ist und im Verbund mit anderen Instrumenten immer heraussticht, hört man sofort, ob der Spieler gut in Form und mental „gut drauf“ ist. Man braucht ein extrem gutes Atemsystem und eine gute Luftführung. Man muss sehr elastisch sein, um viele Farben aus dem Instrument zu zaubern.

Halten Sie sich auf spezielle Weise fit für diese Anforderungen?

Oberlinger: Ich mache gerne Yoga, weil es ein langsamer Sport ist. Ich bin nicht der Typ, der die totale Verausgabung sucht, ich gehe gern spazieren und schwimmen. Mit zunehmenden Alter muss man mehr für sich tun, um nicht Fehlhaltungen zu entwickeln, die sich dann auch auf das Spiel auswirken, denn der Körper ist ja das erweiterte Instrument.

Konzert im Rathausfestsaal: Dorothee Oberlinger (Blockflöte), Sebastian Hess (Violoncello) und Axel Wolf (Laute und Theorbe).
Bild: Thorsten Jordan (Archiv)

Schon an Ihrem Repertoire sieht man, dass die Blockflöte ein Instrument mit großer Bandbreite ist. Sie haben sogar Techno gespielt. Wie kam es dazu?

Oberlinger: Der Kölner Komponist und Arrangeur Gregor Schwellenbach hat die Musik des Techno-Künstlers Michael Mayer mit klassischen Instrumenten vertont. Ich habe versucht, diese Beats auf der Flöte wiederzugeben. Das wurde auf verschiedenen Tonspuren eingespielt und übereinander gelegt. So habe ich quasi mit mir selbst gespielt und eine Art Techno-Orchester gebildet.

Ihr Auftritt mit Ihrem Ensemble 1700 beim Mozartfest führt in die Vergangenheit an den Hof Friedrichs des Großen. Das Konzert trägt den Titel „Sanssouci“. Welche Überlegungen hatten Sie bei der Programmauswahl?

Oberlinger: Potsdam und Sanssouci lassen mich nicht los. Ab diesem Jahr werde ich die Musikfestspiele in Sanssouci verantworten. Schon meine Zulassungsarbeit habe ich über die Flötenmusik am Hof Friedrich des Großen geschrieben. Mich haben dieser Flöte spielende König und sein berühmter Lehrer Johann Joachim Quantz schon immer interessiert. Aus dem Umkreis von Quantz habe ich einige Stücke gefunden, die für die Blockflöte geschrieben waren, obwohl zu dieser Zeit schon die Traversflöte, die auch Friedrich gespielt hat, sehr verbreitet war. Die werden wir in Augsburg aufführen, ebenso wie Adaptionen von der Travers- für die Blockflöte.

Wie passt das zu den „Machtspielen“, die das Motto des Mozartfests sind?

Oberlinger: In der Kunst hat er sich oft zart besaitet gezeigt, als Politiker war Friedrich machtbewusst. Auch zu seinen Orchestermusikern war er sehr autoritär, darüber geben einige Briefe Aufschluss.

Sie stammen aus einem Pfarrhaushalt, haben die Musik in der Kindheit also mit ihrem religiösen Hintergrund erfahren. Wie wichtig ist Ihnen dies heute noch?

Oberlinger: Ich bin mit Kantaten und Oratorien aufgewachsen, das ist Musik, die ich mit der Muttermilch aufgesogen habe. Da spüre ich ein Angenommensein und eine Gnade, die einen beruhigt zurücklehnen lässt. Das wirkt auch auf jemanden, der selbst nicht religiös ist oder einer anderen Religion angehört. Das andere ist, dass man beim Musizieren in einen Flow hineinkommt. Das ist fast wie Meditation. Im idealen Fall überträgt sich das auf den Hörer.

Hat das für Sie auch etwas mit der Virtuosität zu tun, für die Sie nahezu jeder Kritiker rühmt?

Oberlinger: Ich finde es traurig, wenn Virtuosität nur auf schnelle Finger bezogen wird. Im 18. Jahrhundert schloss sie viele Bereiche ein – dass man virtuos mit dem Klang umgehen kann, virtuos Verzierungen einsetzen kann, geschickt in viele Richtungen ist. Da kann man auch mal aufscheinen lassen, dass es ein Leichtes für einen ist, eine schnelle lässige Spielweise aus den Fingern blitzen zu lassen. Mir ist aber wichtiger, zu zeigen, was Musik alles sein kann: etwas Sinnliches, ein Staunen, ein Gebet, für einen kleinen Moment auch mal ein kleiner Zirkus.

Diese Facetten zeigen Sie nicht nur mit Ihrem Instrument, Sie unterrichten auch und dirigieren. Warum ist das wichtig für Sie?

Oberlinger: Mit dem Dirigieren kann ich in neue musikalische Formen wie die Oper eintauchen. Der theatrale Aspekt reizt mich sehr, weil ich dadurch Text und Geschichten habe, die durch die Musik verstärkt werden. Das hilft mir auch für mein eigenes Spiel. Ich kann dadurch besser verstehen, was die Komponisten sich vorgestellt haben.

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