Poetry Slam

01.03.2018

Drei Sternstunden mit Wortkünstlern

Philipp Herold gewann in der Publikumsgunst.
Bild: Wolfgang Diekamp

Vier Slammer messen sich mit Texten zum Festivalmotto „Egoismus und Solidarität“.

Der Poetry-Slam ist beim Brechtfestival ein eingeführtes Format. Mit Quichotte, Temye Tesfu, Tanasgol Sabbagh und Philipp Herold traten vier der besten Poetry-Slammer im deutschsprachigen Raum anders als in den Vorjahren aber nicht gegen die Texte verstorbener „Kollegen“ an. In jeweils zehn Minuten langen Sessions aus ihren aktuellen Spoken-Word-Programmen durften sie Geist und Zungen am Festivalmotto „Egoismus versus Solidarität“ entzünden und damit um die Gunst der flugs gebauten fünfköpfigen Zuschauerjury buhlen.

Im Zweier-Finale kämpften nach der Pause der in Köln beheimatete Rap-Slammer Quichotte gegen den aus Heidelberg stammenden Philipp Herold um den lautstärksten Publikumsapplaus. Denkbar knapp, dabei absolut verdient, trug der 1991 geborene Wortkünstler Philipp Herold nach drei Sternstunden eloquenter Performance den Sieg in Form einer Flasche Whiskey davon. Herold kann auch fiese Tiergedichte, überzeugte aber insbesondere mit seiner fantasievollen Hymne an das Land, in dem der Pfeffer wächst. Am Ende warf er einen furiosen Rückblick auf eine zwingend selbstoptimierte Biografie im „Bewusstsein von Zeit“. Ein starker Siegertext, dessen Nachhören lohnt.

Dies gilt angesichts des hohen Sprechtempos sicher für alle an diesem Abend gehörten Verse. Ob dies die Gedanken zum „Applaus“ waren, die Quichotte sich machte, der das Brot des Künstlers, das auch schimmeln kann, in allen Facetten beleuchtete, um später im Rap „Blumen aus dem Teer“ seine Begegnung mit einem Obdachlosen ohrwurmmäßig zu rhythmisieren. Ob dies die aus Berlin kommende Tanasgol Sabbagh ist, die seit 2011 deutschlandweit die Slam-Bühnen erobert und sich in ihren Texten mit sozialen und gesellschaftlichen Missständen wie Sexismus und Rassismus beschäftigt. Mit „Aisha“ gelang ihr ein eindrucksvoll formulierter Weckruf gegen Unterdrückung und Opferhaltung und für eine kritische Selbsterkundung des weiblichen Selbstwerts. Ob dies den locker auftretenden Temye Tesfu betrifft, der allerdings ein wenig am eigenen Anspruch scheiterte, seine Texte wie „Revolution wird nicht auf YouTube abonniert“ darstellerisch zu überhöhen.

Moderiert wurde dieser inspirierende Abend, der einmal mehr Kraft junger „Poetry“ ins Licht stellte, von dem extrem souveränen mehrfach gekürten Slam-Künstler David Friedrich und in guter alter Tradition klanglich illustriert von den Bandmusikern Jochen Helfert am E-Piano, Girisha Fernando am Bass und Kilian Bühler am Schlagzeug.

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