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Improshow

09.02.2020

Ein Astrophysiker sitzt auf der Therapie-Couch

Was macht er als Nächstes? Auf Zuruf der Zuschauer entwickelt Jörg Schur (Mitte) die Charaktere, assistiert von Monika Eßer-Stahl und Fred Brunner.
Bild: Peter Fastl

Plus Der Schauspieler Jörg Schur läuft im Sensemble Theater mit Einfällen zur Hochform auf. Die Zuschauer geben vor, welchen Typen er spontan entwickeln soll. Dabei hat er Helfer.

Ein Hauch von „Big Bang Theory“ lag über der Kulturfabrik: Ausgerechnet ein Astrophysiker sollte Jörg Schur am ersten Abend der Neuauflage seiner Improshow „I am Schur 2.0“ am Sensemble sein. Der Einfall aus dem Publikum bescherte den Zuschauern die Nobelpreis-verdächtige Entdeckung des PX-Universums in Meerschweinchenkötteln sowie die Formel „f hoch drei minus Cent“. Wer vermisst da schon Sheldon Cooper?!

Statt um den Urknall geht es bei Schur um den Knall, den seine Figuren haben: Therapiesitzungen bei Shanti Meyer (Monika Eßer-Stahl) bilden den Rahmen für die Entwicklung eines fiktiven, improvisierten Charakters. Neben dem Beruf bestimmt das Publikum per Zuruf über Namen und Sozialgefüge der jeweiligen Figur, Orte, an denen sie auftaucht, und Reaktionen auf bestimmte Ereignisse. Schurs Astrophysiker bei der Staffelpremiere sollte Armin Schneider heißen, war emotional und buchstäblich im Geburtskanal stecken geblieben, was ihm ein Trauma und eine schwierige Beziehung zu seiner professionell promiskuitiven Mutter sowie chronische Nackenschmerzen und eine seltsame Körperhaltung einbrachte. Den Anlass für seine Therapie formulierte ein Zuschauer: „Er wäre gerne ein Mörder, kriegt es aber nicht hin.“ Beim Totbeißen von Kleinnagern aber irgendwie schon.

Trocken verwandelt Jörg Schur alles in Lacher

Eine bunte Mixtur aus Motiven also, aus denen Schur eine extrem lustige, runde Comedy bastelte. Nach 25 Jahren auf der Bühne scheint er zur Höchstform aufzulaufen: seine Mixtur aus routinierter Professionalität und überraschenden Einfällen amüsiert treue Fans ebenso wie Zuschauer, die ihn zum ersten Mal erleben. Faszinierend, wie er auch aus banalen oder langweiligen Einwürfen des Publikums improkomödiantisches Gold macht, indem er trocken und ohne dass man seiner Miene im geringsten ansieht, was gerade im Kreativzentrum seines Gehirns ablaufen muss, alles parodiert und in Lacher verwandelt.

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Sein Zusammenspiel mit Monika Eßer-Stahl und Fred Brunner funktioniert kongenial: Die beiden jonglieren gekonnt mit den verschiedenen Motiven und halten die Bälle am Laufen, sodass Schur zugreifen und punkten kann. Eßer-Stahl gibt nicht nur die Therapeutin Shanti Meyer mit einem rosa glitzernden Schal als Requisit und vom Publikum bestimmten Energie-Tieren wie einem Elch, sondern alle weiteren Rollen, die improvisatorisch entstehen. Sie amüsiert mit unglaublicher Labial-Akrobatik, wenn sie einen Hamster aus Zigarettenrauchwölkchen bläst.

Mimisches Talent hat auch Fred Brunner, der vor allem für die Musik- und Geräuschkulisse sorgt. Mit seinem Piano und einem Sammelsurium von Handinstrumenten kreiert er in Sekundenschnelle die passende Film- oder Suspense-Atmosphäre.

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