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Augsburger Philharmoniker

23.07.2020

Ein Konzert mit Botschaft: Holt die Oper zurück auf die Freilichtbühne!

Durch „Holländer“-Wogen und „Nabucco“-Gedankenflüge: die Philharmoniker auf der Freilichtbühne.
Bild: Mercan Fröhlich

Plus Auf der Bühne am Roten Tor geben die Augsburger Philharmoniker nicht einfach nur ein Konzert. Sie machen schmerzlich-schön einen Verlust bewusst.

Der Abend neigt sich, es dunkelt schon die Luft, letzte Vögel zwitschern nachträumend am Himmel über dem Roten Tor – während unten, aus dem Grunde der historischen Wallanlage, leise „Va, pensiero“ heraufsteigt. Klangerfüllte Sommernacht wie aus dem Bilderbuch! Die Augsburger Philharmoniker haben zum Open Air auf die Freilichtbühne geladen, mit 500 Zuhörern sind die hygienebedingten Grenzen erreicht, auf der Bühne spreizt sich das Orchester vorschriftsmäßig weit auseinander, und doch, Corona spielt an diesem Abend die nachgeordnete Geige, zu stimmungsvoll ist die Stunde. „Va, pensiero“, flieg, Gedanke …

Zurück fliegt er beim Lauschen der unsterblichen „Nabucco“-Melodie in jene Zeit, als hier noch Oper gegeben wurde. Ja, wie lange hat man sie an diesem außergewöhnlichen Ort nicht mehr erlebt, die Werke von Verdi, Wagner und Co. Einst war die Freilichtbühne nicht denkbar ohne Oper. Aber die Zeiten scheinen der Vergangenheit anzugehören, verabschiedet durch eine reichlich einseitige Entscheidung der Theater-Vorgängerintendanz, von der jetzigen bereitwillig übernommen. Und alles nur der schnöden Zahlen wegen. Seit acht Jahren und auf etliche weitere Jahre hinaus ist das Musical auf der Freilichtbühne das Goldene Kalb, um das getanzt wird. Wie traurig und zugleich schön, dass die Philharmoniker daran erinnern, welch musikalischer Verlust mit der neuen musicalischen Monokultur einhergeht.

Würde jetzt doch bloß Ramfis zu singen beginnen

Es war Wagners „Fliegender Holländer“, der 2012 der Opernaufführung auf der Freilichtbühne das Totenglöckchen läutete – dessen Ouvertüre jetzt aber beziehungsreich das philharmonische Sommerkonzert eröffnete. Die hier geschilderte Wetterunbill, die in realiter passgenau ein paar Stunden vor Konzertbeginn herniedergegangen war, hörte man nun umso lieber vom Orchester unter der Leitung von Domonkos Héja brausen und schäumen. Der Generalmusikdirektor – lässig im weißen Hemd dirigierend – modellierte die individuellen Motivcharaktere der Ouvertüre – das Unstete des Holländers, Sentas melancholische Innigkeit, das Kraftmeiertum der Matrosen – mit Umsicht und Prägnanz heraus. Zugleich stellte der „Holländer“ das Klangbild auf die Probe, waren die Instrumente doch mikrofonverstärkt – ein wenig matter als sonst im Kongresssaal, doch tadellos balanciert, so der akustische Eindruck.

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Ouvertüren von Opern, die weiland auf der Freilichtbühne zu hören waren, bildeten den ersten Programmteil, und so folgte auf Wagner Verdi. Bestechend die Akkumulation der Streicher in der „Aida“-Eröffnung. Zart tasten sich die Violinen vor, sanft fädeln sich Holzbläser ein, unmerklich beginnt sich der Ton zu wandeln, wird schöntraurig, schließlich tragisch, kulminiert in einem wehklagenden Höhepunkt – um dann wieder zurückzusinken in die Sphäre des Erlöstseins. Wie gerne hätte man weitergelauscht, hinein in die Oper zu Ramfis und seinem „Sì, corre voce …“. Auch hier Gedankenflug: Wenn aktuell im Martinipark schon kaum große Oper zu realisieren ist, hier, auf der Freilichtbühne, wäre doch der Ort, wo dies geleistet werden könnte!

Musical-Monokultur auf der Freilichtbühne: Seit Jahren herrscht hier das Musical - hier "Herz aus Gold"
Bild: Jan-Pieter Fuhr/theater Augsburg

Bei „Nabucco“ grätscht in die ersten Takte von außerhalb die Polizei- oder Krankenwagensirene hinein. Héja winkt ab, lässt das Tatütata sich verlieren – Orchester wie Publikum nehmen’s mit Heiterkeit –, bevor er neu ansetzen lässt. Auch hier geraten die Motive plastisch, spielen die Solisten wunderbar leichtfüßig gerade dort, wo es ans Altbekannte geht, vorneweg die Melodik des „Gefangenenchors“. Und Domonkos Héja ist viel zu geschmackssicher, um das Tutti dieses Chors breit auszuwalzen – so kontrolliert forte, wie er spielen lässt, wirkt es umso ergreifender.

Entführt aus Neujahrs- und Faschingsgegenden

Es war nicht alles Oper an diesem Abend, und zum Evergreen gesellte sich das weniger Bekannte. Die effektvolle „Danse macabre“ von Saint-Saëns etwa, die Héja zwischen Groteske und Verführung gekonnt in der Schwebe hielt und in dem Gast-Konzertmeisterin Katja Lämmermann mit obligat verstimmter Geige solistisch-lustvoll den Freund Hein aufspielen ließ. Auch ein paar Ecken und Kanten der Moderne waren behutsam eingeflochten in das Programm. Darunter drei von insgesamt sechs „Lachischen Tänzen“ von Janáček – „gewissermaßen die Corona-Version“, wie der den Abend leutselig moderierende GMD flachste – oder auch Vaughan Williams’ Streicher-summendes und Hörner-knarzendes „Wespen“-Vorspiel. Die Entführung der „Fledermaus“-Ouvertüre aus Neujahrs- und Faschingsgegenden in den Hochsommer war vielleicht etwas gewagt, wurde aber, wie sämtlich Gebotenes, eifrig applaudiert, sodass am Ende des knapp eineinhalbstündigen pausenlosen Programms eine Zugabe – Bizets knackig hingelegte „Arlésienne“-Farandole – außer Frage stand.

Warum eigentlich haben sich die Philharmoniker nicht längst mit einem jährlichen Freilichtbühnen-Konzert etabliert? So, wie ihre Berliner Kollegen es auf der Waldbühne, die Nürnberger es am Dutzendteich tun? Muss die Freilichtbühne wirklich im alleinigen Besitz von Rocky, Fugger, Kate und anderen „Superstars“ sein?
Das Programm erklingt nochmals am 1. August.

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23.07.2020

Dei Freilichtbühne als absolutes Schmuckstück Augsburgs könnte für so viel benutzt werden. Gerade jetzt im Sommer mit Corono sollte da eigentlich täglich irgendwas stattfinden. Aber nein, nur Musicals, weil ja nur die die Hütte voll machen und so wirtschaftlich rentabel sind. Dann sollten die Argumente mit der rentabilität aber auch bei der Sanierung vom Theater gelten. Und nein, keine andere Argumente, sondern nur rentabiität. Und wenn jetzt ja aber kommt, dann gilt das ja aber genauso für die Freilichtbühne.

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