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Bildhauer Wolfgang Auer

19.06.2020

Ein Kunstwerk, so wuchtig und doch ganz leicht

Die Frau auf dem Stier: Wolfgang Auer hat die Skulptur für die Bayerische Landesausstellung geschaffen.
Bild: Michael Hochgemuth

Der Künstler aus Friedberg spielt in seinen Skulpturen mit Spannungen. Jetzt grüßt seine große Stier-Frau zur Bayerischen Landesausstellung. Aber auch woanders ist er gefragt.

Stolz und monumental steht sie am Friedberger Schlossberg, die Große Stier-Frau des Bildhauers Wolfgang Auer, der sein Atelier im Ortsteil Wulfertshausen hat. Speziell für die Bayerische Landesausstellung hat er die Skulptur in der Tradition herrschaftlicher Reiterstandbilder geschaffen, was unverkennbar auf die Wittelsbacher Dynastie hinweist. Auer spielt mit verschiedenen Bezügen: Mit Europa, die Zeus in Gestalt eines Stiers entführt; mit dem europäischen Oxenweg, der durchs Wittelsbacher Land führt; mit Christine von Lothringen, die Friedberg zwischen 1568 und 1575 zur Blütezeit verhalf, als sie das Schloss als Witwensitz wählte; und nicht zuletzt mit Assoziationen an das Porzellan der Friedberger Fayencen durch die Farbgebung in strahlendem Weiß, in leuchtendem Blau und im Goldüberzug der Hörner.

Das Motiv der Stier-Frau beschäftigt den Bildhauer, der 1964 im niederbayerischen Griesbach geboren wurde, schon seit einem Jahrzehnt. Die monumentale Skulptur für Friedberg mit immerhin 3,80 Meter Höhe aus hochwertigem Styropor ist freilich die größte in der Werkgruppe. „Sie hat mich bis an die Grenze meiner Werkstatt geführt“, erzählt er. Mit der Kettensäge hat er sie aus dem Block herausgeschält, getreu seiner künstlerischen Maxime: „Das Material abtragen, bis das Wesentliche da ist.“

In Fernbeziehung zum heiligen Ulrich

So wie die Große Stier-Frau jetzt hinabschaut ins Lechtal, korrespondiert sie auf die Ferne mit dem kantigen Reiterstandbild des heiligen Ulrichs vor dem Augsburger Dom des von ihm verehrten Münchner Künstlers Josef Henselmann. Durch ihre Größe wie durch die gleißende Farbgebung („Ich bin Neo-Expressionist“) entfaltet Auers Skulptur am Berghang eine starke Fernwirkung – statuarisch durch die fast stehende, adelig gekleidete Frauenfigur und doch auch leger wie eine Figurine aus feinem Porzellan.

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Es gefällt Wolfgang Auer, schwer und leicht in seinen Arbeiten auszutarieren. Es gelingt ihm, starke Dynamik auf einen Punkt einzufrieren, der physikalisch kaum noch möglich ist. So beim Denkmal für Fußballer-Legende Helmut Haller vor dem FCA-Stadion: Der rechte Fuß erhoben zum Schuss, der Körper eingedreht im Ausholschwung, auf einem Bein stehend und den Ball unter den Arm geklemmt. Auch sein zweites neues Werk für Friedberg reizt die Torsion aus. Im Schlossteich dreht sich eine Nixe im Fall zur Seite und balanciert dabei eine goldene Kugel auf dem Schenkel. „Küssen verboten“ nennt Auer augenzwinkernd die lebensgroße Bronzefigur in Anspielung auf den Froschkönig. Sie wirkt, als wäre sie immer schon da gewesen, dabei ist sie fast neu.

Künstlerische Reflexe auf bewegte Geschichte

Zwischen den Zeiten zu springen, reizt den Bildhauer. Für die Stadt Neu-Isenburg bei Frankfurt hat er 2019 zum 300. Jubiläum der Stadtgründung ein Glasbild entworfen, das in schwarz-weiß ein Porträt des Stadtgründers Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen zeigt, bestehend aus pixeligen Fußabdrücken, die den Weg der Flüchtlinge gestern und heute symbolisieren. Denn die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt beruht seit 1699 auf Zuwanderung, zuerst der Hugenotten, dann der Kriegsflüchtlinge und neuerdings der Migranten. Ähnlich hatte Auer schon in Friedberg eine gläserne Bildtafel mit einer historischen Stadtaufnahme an die Stelle des ehemaligen Stadttores gesetzt.

Eine ganz verblüffende Lösung hat Wolfgang Auer 2019 für eine Altarraumgestaltung in Lengsham (Bistum Passau) gefunden. In der kleinen Dorfkirche hat er total transparent den neuen Altar aus Stahlblech wie eine offene Schachtel gefaltet. Außen zeigt sie eine raue Oberfläche, innen dagegen glänzt sie („der Leib Christi“). Demselben Prinzip des spielerisch Schwerelosen folgt der Ständer der Osterkerze. „Es sollte alles ganz leicht wirken“, erklärt der Künstler.

„Throw in another world“ (geworfen in eine andere Welt) heißt denn auch die gemeinsame Ausstellung des Künstlerpaares Andrea und Wolfgang Auer, die sowohl 2017 im Kunstverein Passau als auch 2019 in der Hugenotten-Halle Neu-Isenburg zu sehen war. So unterschiedlich die Malerin mit filigranen Kompositionen und der Bildhauer mit kantigen Figuren arbeiten, so sehr ergänzen sie einander, wie an den Bildtafeln deutlich wird. Die nächste Ausstellung findet vom 20. Juni an in der Ateliergalerie Facette im Augsburger Bauerntanzgässchen statt. Unter dem Motto „Faun und Apfelblüte“ verbindet sie frühere Bronzeskulpturen Wolfgang Auers mit Gemälden von Holger Löcherer.

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