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Junges Theater Augsburg

20.01.2020

Ein Leben zwischen Aberglaube und Sippenfehden

Ivana Nikolic lässt, unterstützt von dem Musiker Mustava Zekirov (im Hintergrund), „Arnikos Abenteuer“ lebendig werden.
Foto: Mercan Fröhlich

Plus „Arnikos Abenteuer“ erzählt mitreißend von einem jungen Roma, der sich nie sicher fühlen kann.

Das Ähnliche im Anderen und das Faszinierende im Fremden sucht das Junge Theater Augsburg in seinen Projekten 2020. Ziel ist es – egal ob beim Kinder- oder Jugendtheater, bei der Bürgerbühne oder in der Theaterpädagogik – Vorurteile abzubauen und Toleranz und Offenheit für eine vielfältige Gesellschaft zu fördern. Den Anfang dazu machte am Sonntagnachmittag die Premiere des Erzähltheaters „Arnikos Abenteuer“ nach dem Roman „Die Ursitory“ von Matéo Maximoff. Der vor gut 100 Jahren in Barcelona geborene Autor erlebte als Kind französischer Roma die Verfolgung und Tötung seiner Ethnie durch die Nazis auch als Bedrohung ihrer nur mündlich tradierten Erzählkultur und schrieb die Geschichten auf – was manche ihm als Verrat auslegten. Ihm, der sich ohne je eine Schule besucht zu haben selbst alphabetisiert hatte und schon als 14-jähriger Waise drei jüngere Geschwister als Kesselflicker durchbringen musste.

Im Märchenzelt beim Kulturhaus Abraxas fand das Junge Theater einen idealen Ort, um das wieder umzudrehen und Maximoffs ersten Roman erzählerisch für Publikum ab zehn Jahren erlebbar zu machen. Warm eingekuschelt in Jacken und Decken, saßen die Zuschauer um die Feuerstelle und lauschten der Romni Ivana Nikolic. Sie gab eine Einführung in ihre eigene Geschichte und die damit verbundenen Sprachen und Dialekte – Romanes, Serbisch und Wienerisch – und der ihrer Ethnie seit den Wanderungen aus dem Nordindischen Raum ab dem 7. Jahrhundert.

Aberglaube und martialische Sippenfehden

Damit war man schon mittendrin in dem, was der Held der Geschichte, Arniko, erlebt: Bald nach der Geburt wird sein Leben von drei Schicksalsengeln an den Fortbestand eines brennenden Holzscheites gebunden. Mutter und Großmutter retten Scheit und Kind vorerst, aber bezahlen einen hohen Preis: Aberglaube und martialische Sippenfehden sorgen dafür, dass Arniko kaum je sicher ist und wie sein Volk weite Wege zurücklegen muss, bevor sich sein Schicksal erfüllt.

Dorothea Schröder hat die Schauspielerin Nikolic so geschickt in dem begrenzten Raum des Märchenzeltes inszeniert und Nikolic erzählt und bewegt sich so lebendig und mitreißend, dass man selbst in den zunächst auf Romanes gesprochenen Passagen gefesselt ist und das Gefühl hat, man brauche die deutsche Sprache kaum, um zu verstehen. Umso mehr, als der Musiker Mustava Zekirov mit Gitarrenklängen und anderen Tönen und Geräuschen Akzente setzt. Schwierig sind ohnehin die vielen für deutsche Ohren ungewöhnlichen Namen. Natürlich ist es dann aber doch gut, genau in der eigenen Sprache zu hören, wie Arniko, ebenso wie sein Autor Maximof, gute Erfahrungen auch in der Welt der Gadje, der nicht-Roma-Mehrheitsgesellschaft, macht, wie Arniko die Rechtskultur der Roma nutzt und die Erzählung sie gleichzeitig infrage stellt. Matéo Maximoff verbindet dafür Motive aus dem transsilvanischen Raum mit der Erzählweise eines magischen Realismus.

Infragestellen und Fragen stellen ist auch beim an alle Aufführungen anschließenden Gespräch mit den Theatermachern und Vertretern der Sinti- und Roma-Gesellschaft erlaubt und erwünscht. Nach der Premiere dauerte es nicht lange, bis bei heißer serbischer Bohnensuppe Ähnlichkeiten zwischen dem Aberglauben der Roma und Motiven in Volksmärchen oder sogar der Abergläubigkeit bei tief im Katholizismus verwurzelten Familien gefunden waren. So kam das Junge Theater seinem Jahresziel, mehr Toleranz, schon bei der ersten Premiere ein Stück näher.

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