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Konzert

24.06.2019

Ein grandioser, Tabu brechender Schönberg

Die Sopranistin Jihyun Cecilia Lee trat mit dem Leopold-Mozart-Quartett auf.
Bild: Ulrich Wagner

Das Leopold Mozart Quartett und Cecilia Lee lassen aufhorchen. Ihre Interpretation eines Klassikers der Moderne entfaltet Sogwirkung.

Frischer Wind sollte im fünften Kammerkonzert des Augsburger Staatstheaters wehen, ja „Luft von anderem Planeten“ war angesagt. Freigeister der Moderne rückten in den Fokus. Ihr Ziel ist es, progressive Entwicklungen der Musik rigoros voranzutreiben, alte Zöpfe zu cutten. Häufig wecken diese Phänomene Ressentiments, provozieren Musik-Skandale.

1908 führte so Schönbergs zweites Streichquartett zu Tumulten. Gewiss hatten dies das Leopold Mozart Quartett und die Sopranistin Jihyun Cecilia Lee im Schaezlerpalais nicht zu befürchten, obgleich Schönberg in dem Opus eklatant Tabus bricht: ein Affront gegen den Inbegriff der Wiener Klassiktradition, gegen makellose Quartett-Reinkultur. Höchst gefordert war das Ensemble, diesen Janus-Kopf – das letzte Werk der alten und zugleich das erste der neuen Musik – zu profilieren.

Im Einklang zwischen Anforderung und Fähigkeit

Der Weg durch Tabubrüche, durch diese sich nach und nach auflösende Tonalität, durch diese ekstatische Liedkraft der finalen George-Verse entfaltete Sogwirkung. Kontraste brachen auf zwischen dem Galgenhumor des skurrilen Scherzo-Witzes und der es-Moll-Trauer der „Litanei“. Ohne Bruchlinien jedoch ging das eine bezwingend im anderen auf, als erfasse das Ensemble im Einklang zwischen künstlerischer Anforderung und persönlicher Fähigkeit ein Flow. Zuletzt stieg so die „Entrückung“ gravitationslos in lichte, atonale Höhen auf, als führe sie Schönberg aus seiner persönlichen Krise hinaus ins Grenzenlose, in die „Luft von anderem Planeten“.

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Famos war die Ensemble-Leistung, erhöht und überstrahlt von Lee als Konzertsopran. Die Atonalität raubt ihr ja den Anker und die Musik verliert ihr Lot. Umso mehr verblüffte es, wie lupenrein und ausdrucksstark sie gefangen nahm: Georges „heilige Stimme dröhnte“.

Aribert Reimann griff in „oder soll es den Tod bedeuten?“ zurück auf Mendelssohn: Ohne nostalgisch zu sein, formte er dessen acht Kunstlieder plus Fragment zyklisch aus. Hier flirrende Sphärenklänge des Quartetts, dort Lees tönende Stimmkraft: oft zu hart ihr Schritt von der Opernbühne zum Liedpodium. Mit dem Debussy-Quartett zu beginnen, war gewagt: Musik als Farbscharnier zwischen Klassik und Moderne, sich bunt kreisend entwickelnd, dies lockte das Leopold Mozart Quartett noch nicht aus der Reserve.

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