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Brechtfestival 2018

05.03.2018

Ein starkes Finale mit dem Maxim Gorki Theater

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3 Bilder
Starker Applaus für das Winterreise-Gastspiel des Maxim Gorki Theaters aus Berlin.
Bild: Fred Schöllhorn

Shakespeare war queer, und Merkel ist eine Muslimin. Am Schluss des Festivals geht es um Identität und die Flüchtlingskrise.

Das hat es auch noch nicht gegeben: eine klassische Brecht-Kantate von Hanns Eisler kombiniert mit einem aktuellen Dokumentarfilm von Maximilian Feldmann über das Schicksal der Roma in Mazedonien. Sie sollten am Sonntag im Textilmuseum bei aller Unterschiedlichkeit der Kunstformen exakt zusammenpassen. Wie im Revolutionslehrstück „Die Mutter“ geht es auch in „Valentina“ um eine engagierte Haltung gegen das Elend oder mit Brecht gesprochen: „Wo immer geschwiegen wird, dort wird er sprechen.“

„Die Mutter“ erzählt von aktiver Ausbreitung des Klassenbewusstseins, auf dass im Kampf gegen die Herrschenden eine Änderung der Verhältnisse erwirkt werde. Zentral in Brechts Werk steht das „Lob des Kommunismus“, das Ex-Ensemblemitglied Lea Sophie Salfeld alias Pelagea Wlassowa fast schmeichelnd vorträgt: „Er ist vernünftig. Jeder versteht ihn.“ Manuel Wiencke als ihr Sohn Pawel singt derweil mit sonorem Bariton das Spottlied auf die alten Zwingherrn („dass ihnen alles nichts mehr nützt“).

Eisler vertont die Kantate im Stil eines säkularen Oratoriums – in moderner Tonsprache mit schroffen Harmonien, jedoch mit zahlreichen Zitaten aus der Tradition religiöser Musik. Die Kombination verleiht der Kantate mitreißende Emotionalität. Die Mutter ist halb Pietà und halb Jeanne d’Arc. Der Chor zieht oft im Marschtritt einher, er treibt und drängt im Dialog mit der Mutter („Gut, das ist das Stück Brot. Aber wo ist der Brotlaib?“). Geoffrey Abbott dirigiert vom Klavier aus im Duopart mit Johannes Bosch. Begeisterter Applaus für eine starke Gesamtleistung.

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Bevor über die letzten Programmpunkte gesprochen wird, sei erwähnt, dass das Maxim Gorki Theater gerade eine interessante Brecht-Verbindung mit Augsburg eingegangen ist. Die Intendantin Shermin Langhoff war Teil der Jury, die die Brechtpreisträgerin Nino Haratischwili ausgewählt hat. Am Samstag hat die Bühne die Inszenierung von Brechts „Im Dickicht der Städte“ als Gastspiel gezeigt, am letzten Festivaltag sind noch einmal zwei Programmpunkte mit dem Theater verknüpft: eine Lesung und ein letztes Gastspiel vor ausverkauftem Haus im Martinipark.

In der Brechtbühne gibt die Dramatikerin und Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann einen Einblick in ihr Schaffen und Denken, assistiert von ihrem Schriftstellerkollegen Deniz Utlu. Salzmann präsentiert ihren Roman „Außer sich“, der es vergangenes Jahr auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. Interessant ist der Wechsel von Lektüre und Dialog über das Buch, den Salzmann und Utlu als flankierende, auch erhellende Zwischenspiele führen. Die Verwandlung von Ali in Anton, einer Ich-Erzählerin in einen Ich-Erzähler gehört wesentlich zu Salzmann, mehrfach fällt das Stichwort „Queer“ („Shakespeare war ein queerer Autor“). Außerdem erzählt Salzmann, wie sie die Proteste im Gezi-Park in Istanbul erlebte, von den alten demonstrierenden Frauen bis zur Gewissheit, dass nach dem Flüchtlings-Deal von Deutschland mit der Türkei etwas Schlimmes in dem Land passieren werde.

Erste Station Dresden, nicht der Barock, sondern Pegida

Stark das Finale. Das Maxim Gorki Theater aus Berlin zeigt seine Winterreise, gespielt von dem 2016 gegründeten Exil-Ensemble des Theaters. Die Schauspieler, alle aus ihrer Heimat geflohen, haben im Januar 2017 eine zweiwöchige Kennenlern-Bustour durch Deutschland unternommen – mit der Regisseurin Yael Ronen. Auf der Bühne im Martinipark gibt das starke Darsteller-Ensemble einen Einblick davon: erzählt in Deutsch, Englisch, Syrisch, Arabisch. Erste Station Dresden, aber nicht der Barock, sondern montags Pegida. Und was steht da auf den Plakaten? Fatima Merkel? „Ich wusste gar nicht, dass sie auch Muslimin ist.“ Dass der deutsche Reiseleiter in der zweiten Station Buchenwald statt Weimar zeigt, bereitet allen Albträume – gegen die auch nicht die Dating-App für Flüchtlinge hilft. „Deutsche haben in den verschiedensten Positionen Sex miteinander, im Liegen, Stehen und in der Hocke“ – „Ah ja, danke für so viel Erklärung“. Dieser Blick des Theaters und des Ensembles auf ein Thema, das gerade wie kein zweites die Menschen polarisiert, ist irre komisch. Dazu glänzen die Schauspieler durch ihr Können (und nicht nur durch ihre Geschichte), der Applaus am Schluss ist gewaltig, die hinteren Reihe stehen, ein Gewinn, dieser Abend.

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