Ausstellung

08.09.2018

Eine Kunst, die nichts bezweckt

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2 Bilder
Kreiszeichnungen von Koho Mori-Newton im Tim.

Koho Mori-Newton hat einen radikalen Weg eingeschlagen. Seine Arbeiten verweisen nicht auf die Welt und haben dort kein Gegenüber

Fünf Linien übereinander, mehr nicht. Hier ein bisschen ausradiert, dort ein wenig retuschiert. Nicht perfekt, vor allem aber ohne eine Aussage, ohne Überhöhung. Einfach nur Linien, die auf dem Papier sind, übereinander gehängt, in Serie. Diese Kunst, die das Textil- und Industriemuseum Augsburg in der neuen Sonderausstellung mit dem Titel „No Intention“ zeigt, möchte nichts bezwecken, was jenseits dieser Kunst liegt – keine Welt darstellen, keine gesellschaftspolitischen Debatten anstoßen.

Und es stellt sich beim Betrachten natürlich erst einmal ein Unbehagen ein: Denn Kunst, die nichts will, ist naturgemäß nicht aufdringlich, nicht marktschreierisch, nicht plakativ, eine solche Kunst ist leise, geradezu verschwiegen. Man nähert sich ihr meditativ, muss Tempo herausnehmen, sich der inneren Unruhe stellen – und hoffen. Hoffen, dass sich die Werke des japanischen Künstlers Koho Mori-Newton von selbst offenbaren.

Das Textil- und Industriemuseum hat Mori-Newton, der 1951 in Katsuyama geboren ist, und von 1979 bis 1985 an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studiert hat, eine Retrospektive auf der großen Sonderausstellungsfläche im ersten Stock zusammengetragen. Einige Arbeiten sind direkt für die Ausstellung entstanden, etwa der Pfad aus Seide, raumhohe Seidenbahnen, die Mori-Newton bemalt hat – in gedeckten Tönen ohne konkret-gegenständliche Motive. Ein Irrgarten ohne Zentrum und Ziel ist entstanden, ein Raum, der zum Verweilen einlädt.

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Vielleicht auch deshalb sind die Glasscheiben in dieser Ausstellung nicht abgehängt, sondern offen. Das Tageslicht fällt so zusätzlich herein und verändert die Lichtstimmung je nach Uhrzeit und Bewölkungsgrad. Der geduldige Betrachter, der Verweilende wird belohnt.

Mori-Newton geht es in seinen Arbeiten um die Linie oder den Kreis an sich. Die Farbigkeit ist nicht grell, nicht plakativ. Von der Perfektion, die in Japan ein Ideal des Künstlers ist, hat sich Mori-Newton weit entfernt. Auf seinen Linien, Kreisen, Liniengespinsten sind immer alle Ausbesserungen zu sehen. Damit will er auch zeigen, wann er etwas als richtig und falsch empfindet. Eine Kunst also, die ihr eigenes Entstehen mit zum Thema macht und um das Sehen selbst kreist.

Mori-Newton adelt in seinen Serien außerdem die Kopie, die gemeinhin in der Kunst als nachgeordnet und minderwertig gilt. Nicht so bei ihm. Jedes Blatt ist gleichberechtigt. Und natürlich drängt sich da auch die Frage auf, was das ist, was Mori-Newton künstlerisch antreibt, wenn er Kreis um Kreis um Kreis oder Linie um Linie zeichnet. Bei ihm wird eine Kraft sichtbar, die noch hinter jeder Absicht und jedem Zweckdenken steckt. Ein Künstler, der Grundlagenforschung macht, der sich vor Wiederholungen nicht scheut. Bei ihm geht es um das Kunstschaffen an sich, um das Grundsätzliche.

Sinnlich wird die Ausstellung dann mit den Objekten. Dafür hat Mori-Newton zum Beispiel Alltagsgegenstände wie Blumentopf oder Teetasse so mit weiteren Dingen kombiniert, dass sie ihre Funktion und Bedeutung einbüßen. Mathematisch hieße das, durch das Addieren von Dingen eine Subtraktion von Bedeutung herbeizuführen. Und schon fallen einem die Formen an sich an den Dingen auf. Da stellen sich sofort Korrespondenzen zu den anderen Arbeiten in der Ausstellung ein.

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