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Stummfilm

20.12.2019

Eine Satire auf den Antisemitismus der 20er-Jahre

Die Koffer packen heißt es im Film „Stadt ohne Juden“.
Bild: Filmarchiv Austria

Szenen aus dem Film „Stadt ohne Juden“ von 1924 sind Bestandteil einer Ausstellung im Textilmuseum.

„Prophetisch“ hat man diesen Film genannt, weil er schon im Jahr 1924 die Schrecknisse der Shoa vorweggenommen habe. Ein voreiliges Urteil, meint die Leiterin des Augsburger Jüdischen Museums, Barbara Staudinger: „Hugo Bettauer schrieb mit seinem Roman ,Die Stadt ohne Juden‘ eine Satire auf den in Österreich grassierenden Antisemitismus. Er sah die Shoa jedoch nicht voraus.“ Dennoch gibt der Film einer hochaktuellen Ausstellung den Titel und die Richtung, die nächste Woche im Textilmuseum (tim) eröffnen wird. Es geht um die extremistische politische Vision einer Stadt ohne (ver-)störende Fremde.

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Der historische Stummfilm, am Donnerstagabend im Liliom vor einem gar nicht so kleinem, interessierten Publikum gezeigt, vermittelte davon eine Vorstellung – mit einem Happy End. Denn die radikale Lösung, die scheinbar nur Vorteile versprach, erweist sich als fatale Fehlentscheidung. Ohne den jüdischen Bevölkerungsanteil geht die fiktive, von Wirtschaftskrisen gebeutelte Stadt Utopia noch gründlicher den Bach hinunter. Denn es fehlt an kreativer Reibung, mithin an Nachfrage nach bestimmten exquisiten Gütern. Das Gemeinwesen versinkt in ein dumpfes, lethargisches Einerlei und gerät in politische Isolation. „Das Ausland kauft nichts mehr bei uns!“

Aus den Antisemiten werden jämmerliche Bierdimpfel

Bei aller Tragik der Austreibung hat Regisseur Hans Karl Breslauer den Stummfilm nicht ohne Witz inszeniert. Von den so hitzig aufsprechenden Wortführern des Antisemitismus bleiben jämmerliche Bierdimpfel übrig, die am Wirtshaustisch einnicken. Den allerschlimmsten Hetzer überwindet ein Filou und Grenzgänger: Der Jude Leo kehrt zurück, gibt sich als französischer Geschäftsmann aus und agitiert als „Der wahrhaftige Christ“ für eine Rücknahme des Ausweisungsgesetzes. Der Bundeskanzler verliert im Laufe der Ereignisse die Aura des selbstgewissen Herrschers. Unter dem Druck demonstrierender Massen auf den Straßen und vor seinem Palais glaubte er – gegen moderate Ratgeber, radikale Maßnahmen ergreifen zu müssen gegen die vermeintlichen Sündenböcke der wirtschaftlichen Misere. Tatsächlich jedoch triumphieren – Zigarre rauchend – skrupellose Spekulanten der Hochfinanz und lenken die Weltwirtschaft nach ihren eigennützigen Interessen.

Eine Satire auf den Antisemitismus der 20er-Jahre

Der Film galt schon als verschollen, bis 1991 in einem Amsterdamer Archiv eine unvollständige Version auftauchte. Ein zweiter Glücksfall war 2015 ein Fund auf einem Pariser Flohmarkt, wie Christina Wintersteller vom Filmarchiv Austria berichtete. Um „Stadt ohne Juden“ zu restaurieren, startete eine große Crowdfunding-Aktion mit über 700 Spendern. Da sich beide Quellen unterschieden, war im Detail stets die Frage zu klären, was nun original sei. Klebestellen und Farbnuancen gaben Aufschluss. Die Zwischentexte wurden aus dem Niederländischen zurückübersetzt. 2018, zum Jubiläum der Republik Österreich, lag der Film wieder vor.

Tragisch verlief das Schicksal von Hugo Bettauer: Der Autor wurde am 10. März 1925 in Wien ermordet. Hauptdarsteller Johannes Riemann sollte ein strammer Nazi werden, auch der Regisseur Breslauer trat 1940 der NSDAP bei und Hans Moser passte sich dem Naziregime an. Die Darstellerinnen konnten sich fast alle durch Emigration retten, eine starb im Konzentrationslager, wusste Wintersteller.

Eine Besprechung der Ausstellung "Die Stadt ohne" lesen Sie hier.

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