Konzert

15.09.2019

Eine Wucht: Monteverdi in St. Ulrich

Stefan Steinemann dirigierte Monteverdi in St. Ulrich.
Bild: Manfred Schalk

Claudio Monteverdis Marienvesper ist ein Epochenwerk. Die Aufführung im historischen Originalklang in der Ulrichsbasilika war überwältigend.

Claudio Monteverdis Marienvesper und der grandiose Altar von Hans Degler in der Ulrichsbasilika wurden fast zeitgleich fertiggestellt. Beide zusammen, wie es am Samstag zu erleben war, sind eine Wucht, die Schaudern macht. Selten erleben Konzertbesucher einen derart überwältigenden Gesamteindruck.

Obwohl Claudio Monteverdi bei der Komposition seiner Marienvesper sicher auch an eine Referenz gedacht hat – ein gelungenes Werk war schließlich die beste Empfehlung – hat er mit seiner Marienvesper Handschrift, Stil und Stilistik sublimiert, hat etwas epochal Herausragendes geschaffen, das in seiner universalen Aussage womöglich über die Manifestation einer bestimmten Religion hinausreicht. Diese Größe wurde am Samstag transportiert.

Der erst 27-jährige Dirigent Stefan Steinemann, ab 2020 Leiter der Augsburger Domsingknaben in der Nachfolge Reinhard Kammlers, ist einerseits hörbar ehemaliger Domsingknabe und ehemaliger Student Michael Gläsers, gestaltete aber vor allem in der fundiert historisch orientierten Aufführungspraxis der Generation von und nach Jordi Savall. Jede Stimme im Gesang und Instrumental war solistisch besetzt, immer auf Augenhöhe.

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Der Kirchenraum wurde einbezogen

Das Originalklangorchester La Banda hat bereits einen Namen, das Vokalensemble AUXantiqua, bestehend aus Absolventen der Baseler Schola Cantorum, wird sich einen machen. Die nur elf (!) jungen Sänger glänzten und begeisterten im wunderbar intimen Solo mit Lautenumgarnung, im wahrhaft seraphinischen Duo ebenso wie im Ensemble, ein fein abgestimmter, gekonnt zurückgenommener Stimmklang. In jeder Nummer war die Aufstellung anders, zuletzt zweichörig wie es auch im Orchester veranlagt war, die Aussprache blieb überwiegend beim italienischen Latein. In den rund 75 Minuten war jeder Moment gefüllt, unglaublich variantenreich und dabei niemals unruhig, von erhabener Universalität, wie es der Textinhalt ja auch ist. Die franko-flämische Vokalkultur, das Volkstümliche, das Arioso und wogende Tutti, der Gesang als Cantus firmus über bewegtem Orchester – Monteverdi schöpfte, wie später Bach in seiner Messe h-moll, die damaligen Möglichkeiten systematisch aus.

Stefan Steinmann bezog auch den Kirchenraum und seinen Nachhall ein, ließ von der Kanzel, vom Mittelgang oder seitlich echoen, formte in großen Bögen, die detailreich ausgestaltet wurden: Der große Wurf und die Miniatur waren ebenso drin wie das allgewaltige Fortissimo und kammermusikalisch Intime und ihre Abstufungen dazwischen. Ein großartig geglückter Abend, der in gespannte Stille mündete, die Ruhe vor dem Sturm: Das Publikum feierte die denkwürdige Aufführung verdientermaßen mit Ovationen.

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