Birdland Jazzclub

18.11.2018

Eine frische Brise Jazz

Kreativ und empathisch: Gitarrenlegende John Scofield.
Bild: Gerhard Löser

Gitarrenlegende John Scofield spielt beim  Radio-Jazz-Festival im Neuburger Birdland

Jazz kann so viel sein. Wenn er eines nicht mehr war seit Beginn des 21. Jahrhunderts, dann politisch. Dabei gibt es kaum eine andere Musik, die den Gedanken der Freiheit mehr transportiert, Brücken baut und Grenzen niederreißt. Nur mussten die Jazzmusiker dies erst wieder neu für sich entdecken, auch angesichts der jüngsten geopolitischen Entwicklungen. So kommt es, dass beim 8. Radio-Jazz-Festival des Birdland Jazzclubs Neuburg eine Gitarrenlegende wie John Scofield im akustisch problematischen barocken Kongregationssaal der Neuburger Residenz steht, wo normalerweise nur akustische Streichquartette konzertieren, und lächelnd einen Song mit dem unzweideutigen Titel „F. U. Donald“ interpretiert, der eigentlich alles sagt, was zu sagen ist: Lasst euch all den Unsinn und Egoismus dieser Zeit nicht schweigend gefallen!

John Scofield klingt subtil und funkig

Scofield und seine „Combo 66“, ein Sammelsurium prominentester amerikanischer Instrumentalisten, bildeten den Hauptact des mittlerweile landesweit geschätzten Festivals, das in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit einer vierstündigen Livesendung des Bayerischen Rundfunks aus Neuburg zu Ende ging. Sie legen den Finger in die Wunden. Ihre Waffen sind nicht etwa Wut, sondern Kreativität, Flexibilität, Empathie und positive Energie. Der 66-jährige Saitenhexer demonstriert eindrucksvoll, was den Zauber des Jazz schon immer ausmachte: Jede Situation, jede Umgebung ergibt ein anderes Konzert, einen anderen Sound. „Sco“ klingt diesmal jazziger, subtiler, feiner, gleichwohl nach wie vor funkig und knackig.

Ähnlich undogmatisch präsentiert sich am letzten Abend das Quintett des aus Bad Aibling stammenden und in Berlin lebenden deutschen Schlagzeug-Shootingstars Peter Gall. Sein Jazz klingt mitnichten explizit „deutsch“, sondern wie eine frische Brise aus einer Ideen-Brutstätte in Brooklyn, die genauso gut in Marzahn oder Schöneberg stehen könnte. Es muss nicht mehr um jeden Preis knirschen und kakophonieren, sondern darf Strukturen haben, ruhig auch swingende, und Visionen.

Das 8. Birdland-Radio-Jazz-Festival lieferte generell einen feinen Umgriff auf Tradition und Moderne, alte und neue Welt, der dem Publikum Mut machte. Etwa mit den Fusion-Dinos Yellowjackets, der wunderbaren, jungen Berliner Pianistin Julia Kadel, der grandiosen israelischen Klarinettistin Anat Cohen (mit dem in New York lebenden deutschen Bassisten Martin Wind), dem zeitlosen Klavier-Lyriker Steve Kuhn, einer Hommage an den Schweizer Saxofonisten George Robert und den Gitarren-Speed-King des Rosenberg Trios. Ein starkes Ausrufezeichen des Jazz, das da über den Äther ging.

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