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Theater

14.01.2019

Ekel Alfred – ein Wutbürger aus den 70ern

Als Fernsehserie war „Ein Herz und eine Seele“ damals Kult, als Theaterstück funktioniert es heute nicht

Wer die 70er Jahre in der BRD bewusst erlebt hat, verbindet mit Fernsehen diese Figur: Alfred Tetzlaff. Das Ekel der Nation durfte sich in 25 Folgen der Serie „Ein Herz und eine Seele“ über seine Familie und die deutsche Politik auskotzen.

Der spießige Reaktionär wurde zum Liebling der Linken, die darin ihr Feindbild wiedererkannten, aber auch der Rechten, die begeistert ihre Thesen, wenn auch etwas konfus verschwurbelt, wiederfanden. Das lag nicht nur an den genialen Drehbüchern von Wolfgang Menge, der hier ein britisches Vorbild auf westdeutsche Verhältnisse übertrug, sondern vor allem am brillanten Darsteller des Ekels Heinz Schubert.

Die Kammeroper Köln brachte jetzt zwei der Folgen auf die Bühne der Stadthalle Gersthofen. Regisseur Wolfram Fuchs übernahm selbst die von Schubert geprägte Rolle des Ekels, der Text wurde wortwörtlich aus der Fernsehserie übernommen. „Frühjahrsputz“ und „Silberhochzeit“ stehen also in den Kulissen einer kleinbürgerlichen „Idylle“ auf dem Plan.

Gemusterte Tapeten, Küchenschrank, Sofagarnitur und ein ziemlich wuchtiges Fernsehröhrengerät prägen das Bühnenbild. Und, wir sind ja in den 70ern, der gemäßigt aufmüpfige Schwiegersohn raucht. Auch sonst hält man sich sehr ans Vorbild, was hier einer Zeitreise gleicht. Doch was im 70er-Jahre-Fernsehen als gewagt, anarchisch und frech rüberkam, hat doch ziemlich Staub angesetzt.

Wolfram Fuchs gibt zwar den Wutbürger Alfred mit viel Temperament und gemeinen Ausbrüchen gegen seine etwas naiv-biedere Ehefrau Else, die „dusselige Kuh“ (Sabine Barth). Doch seine drei Mitbewohner, Else, Tochter Rita (Karin Punitzer) und Schwiegersohn Michael (Mario Zuber), bleiben allzu blasse Stichwortgeber. Was in der TV-Serie bei Rita noch kess und beim SPD-Sympathisanten Michael noch provozierend wirkte, geht hier neben der Bühnenpräsenz von Fuchs unter.

Der wütet mit bösartiger Schläue, überzieht mit Schimpftiraden seine Familie und zerrt die absurdesten Verschwörungstheorien aus dem Dunkel. Sein Fazit: „Die Regierung ist unfähig.“ Ein Wutbürger, den man mit mehr Vergnügen ins 21. Jahrhundert hätte übersetzen können.

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