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Ballett

05.03.2020

Erich Payer ist ein richtiger Klassiker

Erinnerungen an seine Zeit als Tänzer hat Erich Payer viele
Bild: Ulrich Wagner

Plus Der ehemalige Solist und Ballettchef Erich Payer feiert in diesem Jahr ein dreifaches Jubiläum. Für modernen Tanz findet er deutliche Worte.

Für ein Gespräch mit Erich Payer sollte man sich Zeit nehmen. So viel hat der Doyen der Augsburger Ballettszene, der nun seit 40 Jahren in Augsburg wirkt, zu erzählen. Anekdoten aus 50 Jahren Leben mit dem Tanz gibt es da reichlich, auch Nachdenkliches über die Kunst und wie sie sich verändert hat, aber auch Persönliches über den eigenen Werdegang. Alles in dem von Payer gepflegten charmanten Duktus, den er ab und an genüsslich spickt mit ironischen Spitzen. Im August feiert Erich Payer seinen 70. Geburtstag, ein dreifaches Jubiläum also sozusagen, das Payer so kommentiert: „Das ist wirklich die einzige Gerechtigkeit auf der Welt, dass jeder immer einen Tag älter wird.“

Als Statist in der Münchner Staatsoper

Im Jahr 1970 begann die professionelle Karriere des gebürtigen Münchners mit seinem Studium an der Musikhochschule in München. Gepackt hatte ihn der Tanz, als er als 15 -jähriger Statist in der Bayerischen Staatsoper war. Damals war er aber noch mehr der Oper zugetan. Schöne Stimmen, das sei seine Sache gewesen, erinnert er sich. Aber die Eintrittskarten waren teuer – zu teuer für einen Schüler, dessen Eltern Flüchtlinge aus dem Böhmerwald waren, und der noch vier Geschwister hatte. Als Statist habe er dann die berühmten Sänger aus der Nähe erleben können, „sogar die Birgit Nilssson“, erinnert er sich. Als bei Crankos „Romeo und Julia“ Not an einem Mann im Hintergrund war, kam Erich Payer erstmals in Berührung mit dem Ballett. „Das ist ja perfekt“, habe er damals empfunden. „Tolle Musik in Verbindung mit einem eleganten Körper, damit kann man alles ausdrücken.“

Vortanzen musste Erich Payer nie

Trotzdem verlief Payers Weg zum Tänzer nicht geradlinig. Zuerst machte er eine Lehre als Industriekaufmann und wurde Verkaufsleiter einer Fruchtsaftfirma. Mit 19. „Langsam war ich noch nie“ kommentiert er das trocken, denn Schlag auf Schlag ging es auch mit der künstlerischen Karriere: nach dem Studium das erste Engagement in Lissabon im Gulbenklan Ballett, nach zwei Jahren Rückkehr nach München an die Staatsoper, von dort aus nach zwei Jahren ans Stadttheater Augsburg als Solist, Trainingsleiter und Choreograf, später dann auch als Ballettdirektor. „Ich musste nie vortanzen, ich habe immer einfach mal mittrainiert und bekam dann ein Angebot“, beschreibt Payer seinen Werdegang und spricht gleichzeitig über die nervenaufreibende und oft unwürdige Praxis des Vortanzens und die große Konkurrenz unter Tänzern in der heutigen Zeit.

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Wie der „altgediente“ Payer überhaupt mit Kritik am heutigen Ballettbetrieb nicht spart. Persönlichkeit und Ausstrahlung würden den Tänzerinnen und Tänzern regelrecht aberzogen, hat er festgestellt. „Das wirkt dann oft, als ob ich den Börsenkurs erklären würde.“ Der Choreograf sei heute der Star. Dabei empfindet er moderne Choreografien oft älter und langweiliger als die bewährten klassischen von Petipa, Cranko oder Balanchine, sagt der bekennende Fan des klassischen Balletts. Es werde eben seit 400 Jahren getanzt – mit zwei Beinen, zwei Armen, einem Torso und einem Kopf. „Da wirkt vieles wie ein Teebeutel, den man noch einmal ins Wasser hineingehängt hat“, sind seine deutlichen Worte.

Ein Leben ohne Ballett kann sich Erich Payer nicht vorstellen

Seit Lissabon stets an der Seite Erich Payers ist sein Mann Dimas Casinha, ebenfalls Tänzer und Choreograf. „Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich mehr mit Männern anfangen kann“, sagt Payer, schon in der Schule sei ihm das bewusst gewesen. Er habe immer dazu stehen können, weil er genug Selbstvertrauen hatte und, wie er sagt „frech genug war“, wenn es dumme Bemerkungen gab. Gemeinsam bauten sie die Ballettakademie Payer auf, die Erich Payer parallel zu seiner Arbeit am Theater 1983 gründete. Auf diese Weise habe er sich sein Extra-Ballett ausgebildet und dafür gesorgt, dass er genug Tänzer auf der Bühne habe.

Wobei Erich Payer keinen Zweifel daran lässt, dass sein Herz immer für den Ballettunterricht schlug, den er bis heute gibt. „Dimas war der Künstler, ich der Pädagoge“, beschreibt Erich Payer die Arbeitsteilung mit seinem Partner, der sich vor zwei Jahren aus der Ballettschule zurückgezogen hat , aber immer noch aushilft.

Auch er kann sich mit dem Ruhestand noch nicht anfreunden. „Turne bis zur Urne“ gibt er einem flapsig zurück, wenn man ihn danach fragt, denn ein Leben ohne Ballet und Theater kann sich Erich Payer in der Tat nicht vorstellen.

Die Gala der Ballettakademie Payer findet an diesem Sonntag, 8. März, und am Sonntag, 15. März, um 15 Uhr im Parktheater statt.

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