1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Feuilleton regional
  4. Ex-Justizministerin: „In Europa liegt die Zukunft“

Staatstheater Augsburg

08.10.2018

Ex-Justizministerin: „In Europa liegt die Zukunft“

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in der Moritzkirche.
Bild: Fred Schöllhorn

Die Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger predigt in der Moritzkirche über Aischylos' "Orestie".

Halleluja. Thematische Brisanz traf auf rhetorische Brillanz und erhielt intensiven Applaus! Die Theaterpredigt zur Augsburger Inszenierung der „Orestie“ des Aischylos in der bestens gefüllten Moritzkirche hatte es in sich. Die FDP-Politikerin und ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger war geladen, um die Orestie-Inszenierung mit juristischer Expertise anzureichern.

Die Politikerin hatte das Stück im Martinipark zwar noch nicht gesehen, dies tat ihren spannenden Ausführungen zur 2500 Jahre alten Dichtung keinen Abbruch. Die Mythenerweiterung durch Aischylos könnte in heutiger Sprache „als umstürzender, vielleicht sogar skandalöser, jedenfalls eminent wichtiger rechtspolitischer Vorgang bezeichnet werden“. Von den Besuchern der Dionysien des Jahres 458 v. Chr. müsse der „Vorgang als sensationell empfunden und entsprechend gewürdigt worden sein“. Sie sehe in der Dichtung nicht nur das Plädoyer für die Schritte hin zur Demokratie, sondern die Forderung nach mutigen Schritten auf dem Weg zur Rechtsstaatlichkeit.

Wie Religionen zu den Grundrechten stehen

Dem Rückblick folgte ein schonungsloser Blick auf die Gegenwart. Worin habe das Recht seinen Geltungsgrund? „In Gott oder in der Vernunft des Menschen?“ Die Gretchenfrage in fundamentalistischen Gedankengebäuden. Bis zu den Terroranschlägen 2001 habe kaum jemand geahnt, so Leutheusser-Schnarrenberger, „mit welcher Radikalität die uns so selbstverständlich gewordenen Grund- und Menschenrechte verworfen und Menschen mit der Berufung auf göttliche Rechtsbefehle ermordet werden können.“

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Kritik am Universalitätsanspruch der Menschenrechte werde seit jeher vor allem in fundamentalistischen Varianten der Religionen artikuliert. Sie erinnerte an die erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vollzogene radikale Wende in der Haltung der Kirchen zum modernen Grundrechtsdenken – lobte dann aber die Geschlossenheit, mit der Katholizismus wie Protestantismus der demokratisch-liberalen Zivilgesellschaft den Rücken gegen zunehmend rechtspopulistischen Kräfte stärken. Kirchen haben begriffen, dass die „Religionsfreiheit, dass die Freiheit der Kirchen und die Freiheit der Predigt nur in einem Staat zu haben ist, der sich zur strikten religiösen Neutralität verpflichtet weiß“.

Das moderne Verfassungsdenken drohe heute in nicht wenigen Staaten außerhalb (Türkei und Russland) und innerhalb Europas (Ungarn und Polen) zunehmend ignoriert zu werden. Mit Emphase mahnte Leutheusser-Schnarrenberger vor der Gefahr, sich dauerhaft von den Bedingungen einer freiheitlich demokratischen Grundordnung und von ihrer Rechtsstaatlichkeit zu entfernen. Leidenschaftlich ihr Plädoyer für die Zukunft Europas. „Europa fällt nun die Verantwortung zu, die durchaus als welthistorisch zu bezeichnen ist.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren