Benefizkonzert

25.11.2019

Fidelio, der Wohltäter

Gratulation: Wilhelm Walz (Mitte) mit den Sängern Andreas Macco, Gerhard Siegel, Kateřina Hebelková, Henryk Böhm, Marie Heeschen und Sven Hjörleifsson (von links).
Bild: Mercan Fröhlich

Künstlerisch darf Wilhelm Walz’ Beethoven-Projekt als gelungen gelten, auch der Umgang mit den Dialogpassagen überzeugte. Leider fand der Benefiz-Gedanke der Aufführung nicht den erhofften Anklang

Zehn Jahre ist es her, dass in Augsburg zuletzt der „Fidelio“ gegeben wurde, Beethovens einzige Oper. Das war eine Produktion des damals noch rein städtischen Theaters, und der Mann am 1. Konzertmeister-Pult des philharmonischen Orchesters hieß Wilhelm Walz. Demselben hatte Augsburg nun am Vorabend des Beethoven-Jubiläumsjahrs eine Wiederbegegnung mit „Fidelio“ zu verdanken. Inzwischen verabschiedet vom Orchesterdienst, hat Walz in neuer Funktion als Impresario eine konzertante Opernaufführung im Kongress am Park arrangiert, die obendrein noch als Benefizaktion seinem alten Arbeitgeber, dem jetzigen und in Sanierung befindlichen Staatstheater, zugute kommt.

Eine spezielle Augsburger Fassung des "Fidelio"

„Fidelio“ – das ist die über alle Tyrannei triumphierende Gattenliebe, die Geschichte der Leonore, die ihren vom finsteren Don Pizarro unschuldig in den Kerker geworfenen Florestan zu befreien beabsichtigt und sich deshalb in Männerkleidern und unter dem Namen Fidelio dem Gefängniswärter Rocco als Gehilfe andient. Im Nebenstrang der Handlung verliert Roccos Tochter Marzelline ihr Herz an Fidelio, was wiederum Jaquino, der ein Auge auf Marzelline hat, nicht gefällt. Das für Beethoven verfasste Libretto von Sonnleithner und Treitschke macht seit jeher den Bühnen Kopfzerbrechen, sind die Musiknummern doch durch gesprochene Dialoge verknüpft, die heutigen Ohren ebenso antiquiert vorkommen wie sie Sänger mit Deklamierfähigkeiten erfordert.

Eine Problematik, der sich der auch als Dirigent fungierende Wilhelm Walz mit einem Federstrich entledigte. In seiner „speziellen Fassung“ (Augsburgs Intendant André Bücker im Grußwort) wurden sämtliche Dialoge gestrichen und stattdessen die musikalischen Teile durch einen Erzähltext verknüpft. Eine prima Idee, praktikabel gerade wegen des nichtszenischen Aufführungsmodus, und ebenso informativ wie mit Zurückhaltung realisiert vom Erzähler Jacques Malan, mit dem Walz eine schon länger dauernde Zusammenarbeit bei den Augsburger Fronhof-Konzerten verbindet.

Fidelio, der Wohltäter

Von dorther kennt man auch die Suk Symphony, gewissermaßen das Residenz-Orchester des kleinen Sommerfestivals. Dass die Prager Musiker und Wilhelm Walz inzwischen eine eingeschworene Gemeinschaft bilden, war gleich in der Ouvertüre zu bemerken, die bereits von flammendem Freiheitsethos bewegt war mit ihrem markant in die Höhe drängenden Kopfmotiv und ihrem vorandrängenden Allegro. Dieses dem „Fidelio“ innewohnende Moment eines sich unmissverständlich artikulierenden Freiheitswillens hielt Walz die ganze Aufführung hindurch präsent, es bestimmte maßgeblich Tempowahl und Artikulation. Und wenn Besinnlicheres seinen Platz beansprucht, wie etwa das herrliche – und herrlich vom Orchester begleitete – Quartett im ersten Aufzug, dann erhöhte Walz, unermüdlich animierend mit ausgreifendem Bewegungsrepertoire, im Anschluss die dramatische Temperatur rasch wieder um etliche Grade.

Beethovens Oper ist respektgebietend, was die Partien ihrer Protagonisten Leonore und Florestan betrifft – mancher Sänger, manche Sängerin ist da schon an die Grenzen gestoßen. Der Florestan brachte ein Wiederhören mit Gerhard Siegel – nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr konzertant auf Augsburger Bühne, war er im Frühjahr doch in Wagners „Walküre“ zu erleben gewesen, auch das eine (seinerzeit von Siegel initiierte) Benefizveranstaltung fürs Staatstheater. Nun also der Augsburger Tenor als im Verlies Schmachtender. Den berühmten Ausruf „Gott“ in seinem ersten Auftritt formulierte er als machtvoll anschwellenden Schrei – um gleich darauf eindrucksvolle Pianokultur zu entfalten, die erst das Kerkergrauen abbildete, dann aber „In jenen Frühlingstagen“ alle Farben der Hoffnung aufblühen ließ.

Eine überzeugende Besetzung

Musikalisches Herzstück bei Fidelio-Leonore ist ihr Rezitativ „Abscheulicher, wo eilst du hin“, gefolgt von dem ariosen Bekenntnis „Ich folg dem innern Triebe“. Kateřina Hebelková differenzierte zu Beginn dieser großen Szene gekonnt die affektiven Wechselbäder aus Empörung und Ohnmacht und zeigte in der Arie eindrucksvoll, dass ihr Mezzo über hinreichend Fülle und Festigkeit verfügt, um sich in den großen Intervallsprüngen, kräftezehrenden Legati und siegesgewissen Spitzentönen zu behaupten.

Auch für die übrigen Partien hatte Walz ein überwiegend gutes Besetzungshändchen. Marie Heeschen und Sven Hjörtleifsson setzten als Marzelline und Jaquino den spielerisch-kecken Kontrapunkt zur Dramatik des Geschehens, Andreas Macco und Henryk Böhm besaßen als Rocco und Don Fernando die nötige väterliche beziehungsweise ministerielle Autorität. Lediglich Young Kwon fiel ein wenig ab, zu übertrieben geriet ihm der Nachdruck, mit dem er die Bösartigkeit seines Don Pizarro unterstreichen zu müssen meinte. „Freiheitsluft“ und am Ende Frauenlob durften die von Reinhard Kammler einstudierten Augsburger Domsingknaben besingen.

Eine gelungene Aufführung, nicht nur am Ende, sondern auch mittendrin bereits reichlich applaudiert – von einem Publikum, das leider nicht in hoher Zahl zu diesem „Fidelio“ gekommen war. Um des Hörvergnügens, aber auch um der guten Staatstheater-Sache willen wäre trotzdem zu wünschen, dass das mit „Walküre“ und jetzt mit „Fidelio“ so erstaunlich aufgeblühte Pflänzchen der konzertant-wohltätigen Opernaufführung in Augsburg nicht gleich wieder den Kopf hängen lässt.

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