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Friedberg

09.09.2019

Friedberger Musiksommer auf dem Weg zur Goldmedaille

Einsatz für das „Vaterland“: Karl-Heinz Steffens dirigiert das Orchester der Staatsoper Prag in Friedbergs Rothenberghalle.
Foto: Siegfried Kerpf

Die 18. Ausgabe des Friedberger Musiksommers. brachte die dankbare vierte Sinfonie von Bruckner – und die Solisten René Pape, Kolja Blacher, Radek Baborak.

Blicken wir nach Friedberg, blicken wir in den Herbst 2023: Dann werden nach der jetzt noch fehlenden sechsten, dritten, ersten und der sogenannten nullten Sinfonie alle zehn Sinfonien Anton Bruckners aufgeführt worden sein, dann dürfte die 30000-Seelen-Kommune wohl folgende Goldmedaille tragen dürfen: Kleinste Stadt Deutschlands mit absolvierten Bruckner-Sinfonien-Zyklus. Das schmückt – und aus dieser Nummer kann der Friedberger Musiksommer quasi gar nicht mehr herauskommen, da der Weg nun schon so weit beschritten ist mit den großen Brocken von vierter, fünfter, siebter, achter und neunter Sinfonie.

Und da Noblesse oblige auch in Friedberg gilt, liegt dann womöglich auch die Beschlusskraft für einen würdigen Multifunktionskonzertsaal ergänzend zur Kirche St. Jakob vor – für weitere hoch- bis spätromantische Zyklen. Gastorchester und Gastdirigent wären gegeben, wenn auch nicht geschenkt: das Orchester der Staatsoper Prag unter seinem neuen Chefdirigenten Karl-Heinz Steffens, die zusammen jetzt Bruckners „romantische“ vierte Sinfonie – zumindest was Gestaltung sowie Aura anbelangt – vortrefflich aufführten, eben in St. Jakob.

Dabei waren die Voraussetzungen nicht die allergünstigsten gewesen. Das Orchester, wie der Name schon sagt, in erster Linie ein Opernorchester, hatte Bruckner schon lange nicht mehr gespielt, Steffens und das Ensemble müssen sich noch genauer kennenlernen, und für die Prager jedenfalls ist St. Jakob akustisches Neuland.

Dies alles berücksichtigend, bleibt man erst recht geneigt, die Wiedergabe vortrefflich zu nennen. Und zwar vor allem deshalb, weil sie eine kompositorische Eigenart Bruckners und das Wesen gerade dieser Sinfonie einfing: nämlich dieses Türmen und Drängen der Musik, die sich wellenförmig aufstaut – bevor sie nach einer Generalpause eruptiv ausbricht und Dämme bersten lässt. Das ist wiederkehrend – und wenn Steffens das letzte Quäntchen Geduld aufbringt, die Ballungen und Eruptionen noch um ein, zwei Wimpernschläge hinauszuzögern, dann entstehen große Momente unglaublicher Schubkraft, Intensität, Ekstase. So geschehen vor allem im vierten Satz. Nun geriet Bruckner zum Hochamt, da webte seine Musik einen Altarvorhang, eine Klangwand. Dem Verhalten nach war das Publikum auch diesmal wieder tief beeindruckt – und strebte impulsiv in die Höhe.

Dieser Abend aber war nicht nur ein Bruckner-, sondern auch ein Hornabend. Es hat in der Vierten gleich zu Beginn einen hochgefährlichen Einsatz – und im Scherzo einen Auftritt im Pulk. Dass man sich darauf einhören konnte, ermöglichte ohne jeglichen Fehl und Tadel der Solist Radek Baborak im ersten Hornkonzert von Strauss. Er glänzte aber nicht nur technisch, sondern auch musikantisch – und legte einen wehmütigen Schleier über das Andante.

Erstklassige Solisten in Friedberg

Überhaupt traten erstklassige Solisten bei den Orchesterkonzerten des Friedberger Musiksommers 2019 auf: Am Sonntagmorgen in Mendelssohns e-Moll-Violinkonzert Kolja Blacher, der so quecksilbrig-virtuos wie lyrisch-schwärmerisch agierte, dazu der phänomenale Bass René Pape, der eben gerade bei den Salzburger Festspielen eine ansonsten eher schwächelnde „Simon Boccanegra“-Produktion künstlerisch an sich reißen konnte.

Gerne hätte man seine autoritative Stimme auch in Friedberg rein, original, unverfälscht gehört; doch zu den drei Musical-Nummern, die er hier sang, wünschte er Mikrofon und eine Spur Hall – quasi den Musical-Originalklang des 20. Jahrhunderts.

Wenn das Orchester der Staatsoper Prag sich heimisch fühlen kann, dann im Werk Dvořáks, Smetanas, Janáčeks. Und so erklangen in der Matinee in der Rothenberghalle, die gewiss keinen Ton verschluckt, noch drei „Vaterland“-Tondichtungen Smetanas, auch die berühmte „Moldau“ – vertont von der hüpfenden Quelle bis zur strömenden Mündung. Böhmen in seinem Element.

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