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Porträt

05.07.2018

Für „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“ wurde Jupp Schluttenhofer Verleger

Wie Menschen systematisch ausgegrenzt und verfolgt werden, ist im Zeitzeugenbericht „Die Apotheke von Krakau“ nachzulesen. Jupp Schluttenhofer hat das Buch neu herausgebracht.
Bild: Wolfgang Diekamp

Jupp Schluttenhofer ist eigentlich Immobilienmakler. Dann stieß er auf den polnischen Zeitzeugen Tadeusz Pankiewicz. Warum er dessen Bericht vom Krakauer Ghetto neu druckte

Jupp Schluttenhofer hat eine Überzeugung. Und dafür geht der Friedberger auch ein geschäftliches Risiko ein. Obwohl er eigentlich mit Immobilien und Baufinanzierung zu tun hat, ist Schluttenhofer unter die Buchverleger gegangen. Der Titel, den er herausgebracht hat, ist gar nicht neu, vielmehr erstmals schon 1995 erschienen. Aber wichtig sei er in einer Zeit, da sich in Deutschland wieder ein dumpfer Ungeist ausbreitet. Es ist der Zeitzeugenbericht des Polen Tadeusz Pankiewicz, des Apothekers im Krakauer Juden-ghetto, über die gesellschaftliche Ausgrenzung von Menschen bis zu deren blutigem Martyrium.

Jupp Schluttenhofer war elektrisiert

Wie kam der Friedberger Makler an dieses Buch „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“? „Der Impuls, mich mit diesem Zeitdokument zu befassen, kam von Menschen aus dem Seminar für Sprachgestaltung an der Universität München, die nach einem Besuch in Krakau von dessen Inhalt sehr erschüttert waren“, erzählt Jupp Schluttenhofer. Im Augsburger anthroposophischen Arbeitskreis berichteten sie davon und reichten den kopierten Text herum. Schluttenhofer war sofort elektrisiert. Als gelernter Schriftsetzer hatte er sowieso ein sehr enges Verhältnis zu Büchern. Und seit jeher orientiert er sich auf der politischen Linken.

„Es kann doch nicht sein, dass so ein Buch nicht mehr verfügbar ist“, habe er sich gedacht. Anderthalb Jahre vergingen, bis er die Lizenzen zum Neudruck zusammen hatte. Dann fand er in Benno Käsmayr, dem Chef des Maro-Verlags, einen Produktionspartner und ließ sofort die Höchstzahl von 1500 Exemplaren auflegen. „Jetzt sind wir am Verkaufen“, sagt der Neuverleger nüchtern. Immerhin stieß er schon auf Interesse im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg und in der Jüdischen Literaturhandlung München. Im Herbst wird es auch eine Buchpräsentation mit Buchhändler Kurt Idrizovic in der Neuen Stadtbücherei geben.

Ans Judentum hat der im idyllischen oberbayerischen Isental Geborene „keine spezielle Bindung“. Die sehr eindringlich beschriebenen Schicksale von Menschen haben ihn erschüttert. Sie dürfen nicht selektiert werden in bessere und schlechtere. „Sie sind zuerst alle Menschen. Ich gehe davon aus, dass wir alle eine gemeinsame Herkunft haben. Und alles andere ist das, was wir daraus machen“, betont Schluttenhofer. Mit dem Buch von Pankiewicz möchte er einen weiteren Impuls liefern, „dass wir einander respektvoll unsere Individualität gewähren und uns gemeinsam darum bemühen, über den gedanklichen Austausch uns nahezukommen“.

Der niederträchtige Umgang der Menschen

Jupp Schluttenhofer ist nach seiner Lehre bei der Druckerei Mühlberger 1970 nach Berlin gegangen. Damals ein Biotop für alle, die anders leben wollten als in dem „bürgerlich-muffigen, engen Leben“ in der Bundesrepublik. Er wohnte im hintersten Winkel von Kreuzberg. Als die ersten Türken kamen, haben sie den Ausländern auf den Behörden und bei der Steuer geholfen. „Dafür luden sie uns zum Essen ein. Da gab es keine Ausgrenzung, es war ein gegenseitiges Sich-Helfen.“ Als er 1978 wieder nach Bayern zurückkehrte, hatte Jupp Schluttenhofer diese Bilder im Herzen. Deshalb schmerzt ihn der heute um sich greifende Rechtspopulismus, der unverfroren frühere Tabus menschenfeindlicher Rede durchbricht. In Tadeusz Pankiewicz’ Zeitzeugenbericht findet er geschildert, wie es möglich war, dass Menschen so niederträchtig miteinander umgingen.

Der Apotheker vom Krakauer Ghetto, selber kein Jude, schildert die Beschwichtigungs- und Lügenstrategie der Nazis, während sie die Schlinge um das jüdische Viertel immer enger zogen, bis sie fast jedem der 16000 Bewohner das Leben geraubt hatten. Er erzählt zugleich vom Überlebenswillen dieser Menschen, die mitten im Grauen trotzdem die Hoffnung nicht aufgaben.

In der Adlerapotheke trafen sich die Opfer und ihre Peiniger, der Apotheker kannte die Spitzel und die Kollaborateure, begegnete den Männern des Judenrats und der jüdischen Polizei. Er ist kein Held und kein Widerstandskämpfer. Er tut, was er tun kann, – und das ist viel. Mit 86 Jahren starb Tadeusz Pankiewicz im November 1993, ausgezeichnet mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“.

Tadeusz Pankiewicz: Die Apotheke im Krakauer Ghetto. Aus dem Polnischen von Manuela Freudenfeld, 288 Seiten, 25 Euro. Bezugsadresse im Versand: bestellung@die-apotheke-im-krakauer-ghetto.de

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