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Augsburg

31.07.2020

Fugger und Welser Museum: Umstrittene Sklavenjungen-App wird abgeschaltet

Das Fugger und Welser Erlebnismuseum in Augsburg will seine Sklavenjungen-App überarbeiten.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Das Fugger und Welser Erlebnismuseum reagiert auf die Kritik an der Sklavenjungen-App. Götz Beck von der Regio Augsburg räumt Korrekturbedarf ein.

Das Fugger und Welser Erlebnismuseum schaltet die umstrittene App, die aus der Perspektive eines Sklavenjungen durch das Museum führt, ab. Götz Beck, Leiter der Regio Augsburg, die das Museum betreibt, teilt mit: „Wir werden sie unter Einbeziehung eines Expertenrats überarbeiten und verbessern.“

Dass es jetzt erst zu diesem Schritt gekommen sei und nicht schon vor Monaten, als die erste Kritik an der App geäußert wurde, begründet Beck auch mit der Corona-Pandemie: „Wir haben in diesen Monaten intensivst gearbeitet und um Existenzen gekämpft, um jedes Hotelbett und jeden Tisch in der Gastronomie.“ Deshalb werde jeder dafür Verständnis aufbringen, „dass die sicher nicht geglückte Museums-App für uns nicht die erste Priorität hatte“.

Die Ethnologin Ina Hagen-Jeske, der Kulturhistoriker Claas Henschel und der Historiker Philipp Bernhard (alle von der Universität Augsburg) hatten vor Kurzem ihre Kritik an der App öffentlich gemacht. Sie warfen dem Museum vor, dass die App sich zwar auf einen historisch belegten Sklavenjungen stütze, die Geschichte der Figur aber erfunden sei und zwar so, dass sie ahistorisch handele – anders als es die Forschung nahelege.

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App: Das Fugger und Welser Erlebnismuseum wird nachbessern

Perico ist von den Welsern gekauft, nach Venezuela gebracht und dort mit Gewinn verkauft worden. Anhand der App, in der Perico als Leitfigur diente, wurden Kinder und Jugendliche spielerisch durchs Museum geführt, sie mussten Rätselaufgaben lösen und unter anderem zum Beispiel ausrechnen, wie viel Gewinn die Welser mit dem Sklavengeschäft gemacht haben.

Die Kritik an der App haben Hagen-Jeske, Bernhard und Henschel bereits kurz nach Erscheinen der App dem Museum mitgeteilt. Weil seitdem außer kleineren Überarbeitungen wenig geschehen sei, haben sie nun den Weg gewählt, die Kritik öffentlich zu machen.

Götz Beck.
Bild: wys

In seiner Stellungnahme schreibt Götz Beck nun: „Wir werden nachbessern – ich habe verstanden. Verstanden mit einer Ausnahme: Dass ausgerechnet dieses Museum mit seinem dezidiert kritischen Ansatz wegen Schönfärberei und Verharmlosung bekrittelt wird, ist angesichts seiner Eröffnungsgeschichte ein kaum nachvollziehbarer Vorwurf.“

Damit weist Beck auf den internen Streit während der Planungsphase des Museums hin. Kurz vor der Eröffnung des Hauses im Augsburger Domviertel sei es zum Bruch mit den damals beauftragten Kuratorinnen gekommen. Auslöser sei gewesen, dass das Fugger und Welser Erlebnismuseum sich auch kritisch mit „mit der Kinder- und Frauenarbeit im frühneuzeitlichen Bergbau sowie nicht zuletzt mit der Geschichte des beginnenden Kolonialismus, mit dem transatlantischen Sklavenhandel sowie der Versklavung und Ermordung der indigenen Bevölkerung in Venezuela und Kolumbien durch deutsche Kolonisatoren – Vertretern des Handelshauses der Welser – auseinandersetzen wollte“, so Beck.

Augsburg: Es gibt auch Kritik an der Dauerausstellung

Am 18. August 2014 hatten Stefanie von Welser und Angelika Westermann sich daraufhin als Kuratoren zurückgezogen, wie heute noch im Internet-Impressum des Museums nachzulesen. Ausschlaggebend für die Trennung war laut AZ-Informationen, dass die Museumstexte nicht einwandfrei gewesen seien, unter anderem sei es um nicht korrekte Jahreszahlen, zu wenig Augsburg-Bezug und Passagen zu Sklavenhandel und Kinderarbeit gegangen.

Beck führt in seiner Mitteilung vom Freitag weiter aus: „Jedermann kann diesen kritischen Ansatz heute in Ausstellungstexten im Fugger und Welser Erlebnismuseum wiederfinden.“

Allerdings gibt es auch Kritik an der Dauerausstellung des Museums. Der freie Autor und Wissenschaftler Mark Terkessidis, der viel über Migration, Interkulturalität und Rassismus arbeitet, erwähnt das Museum in seinem aktuellen Buch „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“. Dort heißt es: „Doch in dem Raum, in dem es im Museum um ,Die Welser in Venezuela‘ geht, kann von einer Aufarbeitung der Kolonialgeschichte nicht die Rede sein.“ Die Besucher nähmen in dem Raum die Perspektive des modernen europäischen Reisenden ein, demgegenüber seien die „Eingeborenen“ als naiv gezeichnetes Wandbild zu sehen, die nackt ihren „Entdeckern“ freudig zuwinkten.

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