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Lyrik

11.02.2019

Gedichte, in denen der Lachs über den Gartenzaun fliegt

Sie schreiben in Augsburg ganz unterschiedliche Lyrik (von links): Knut Schaflinger, Max Sessner und Siegfried Völlger.
Bild: Andreas Schmidt

Knut Schaflinger, Max Sessner und Siegfried Völlger stellten zu Brechts Geburtstag Gedichte mit Eigenleben vor

Bei dieser Lesung schaute Bertolt Brecht als Büste seinen Nachfolgern über die Schulter. In dem Haus, in dem Brecht 121 Jahre zuvor geboren worden war, lasen drei Augsburger neue Lyrik. Während ihr berühmter Vorgänger seine Geburts- und Jugendstadt einst verlassen hatte, ist das Trio vor Jahren oder seit längerem zugezogen. Die Dichter erwiesen sich als Lokalpatrioten. Sie empfanden es als Ehre oder waren gerührt, Brechts Geburtstag mitgestalten zu dürfen. Es lohnte sich, im voll besetzten Brechthaus ein Plätzchen ergattert zu haben. Knut Schaflinger, Max Sessner und Siegfried Völlger stellten auf Einladung der Buchhandlung am Obstmarkt ihre druckfrischen Werke vor. Unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Und jeder Autor las auch mit einer anderen Sprachfärbung.

Um „Die Unentbehrlichkeit der Farben“ geht es in dem neuen Buch von Knut Schaflinger. Der gebürtige Österreicher, frühere Teilzeit-Hanseat und ehemalige Fernsehjournalist versteht es, in dem engem Raum der Gedichte Stimmungen zu verdichten. Immer wieder bleibt man an starken Bildern hängen, die Schaflinger für Weiß, Schwarz, Blau, Grün, Gelb, Rot und Übermalungen gefunden hat. So wie sich Farben nicht greifen, sondern eher erspüren lassen, gilt dies auch für die Bilderwelten von Schaflinger. Er erschafft damit eine lyrische Gegenwelt zu der nüchternen Sprache, mit der er als Fernsehjournalist die Welt erklärt hatte. Rot ist für ihn die emotionalste Farbe. Dazu schreibt der 67-Jährige unter anderem:„Der Teich flammt auf. Flamingofeuer. Sie trinken stehend aus der Pfütze ihre Glut. …“ Dieses Gedicht endet mit dem Satz: „Es bleibt keine Farbe in der Schreibhand zurück.“

Die Kleinschreibung zwingt zum Überlegen

Über Vergänglichkeit dichtet auch der aus Franken stammende Max Sessner. „Das Wasser von gestern“ heißt sein neuer Gedichtband. Es schwingt Melancholie mit. Wobei Sessner mit einem ironischen Unterton darüber hinwegtröstet, dass irgendwann folgender Moment naht: „Die Stunde vor unserem spurlosen Verschwinden.“

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Wie seine beiden Lyrikkollegen ist der 59-jährige Mitarbeiter der Stadtbücherei und Mitveranstalter der Lyrikreihe „Rauchzeichen“ belesen. So taucht bei ihm auch Eichendorff auf – allerdings weniger romantisch: „…und die Wälder ach die Wälder sind verrückt geworden…“ Großmütter duften in diesen Gedichten nach Veilchen, ihre Kleider knistern. Und hinter dem Antlitz einer alten Dame, die auf einer Parkbank sitzt, erahnt man im Vorübergehen ihre früheren jüngeren Gesichter. Manchmal bleibt nur die Erinnerung an vergangene Tage. Wobei: „ …einen Friedhof für Tage kann es nicht geben und wer sollte dort auch die Gräber pflegen…“ Und Sessner ist bewusst: „Irgendwann brauchen mich meine Gedichte nicht mehr.“

Auch Buchhändler Siegfried Völlger glaubt, dass seine Lyrik ein Eigenleben entwickelt. Seinem niederbayerischen Tonfall hört man an, dass er im Bayerischen Wald geboren ist. Zu seiner „Heimaterinnerung“ zählt, dass dort ein Tor zur Hölle zu Fuß erreichbar war. „ … den teufel hat man oft dort gesehn und seine begleiter deswegen war es auch weitum warm zuhause.“

In Mundart schreibt Völlger nicht, weil es außerhalb des Waldes niemand lesen könnte. Dafür zwingt der 63-Jährige in seinem Band „so viel Zeit hat niemand“ mit konsequenter Kleinschreibung zum Überlegen. Der Augsburger pendelt nach München und Dachau und macht sich dabei Notizen, zum Beispiel über Tierbeobachtungen. Über eine Katze, die auf den Boden starrt, fand er beispielsweise heraus: „ … ich dachte immer/sie warten so auf mäuse/jetzt weiß ich/sie beruhigt die erde.“

Völlger schreibt auch humorvoll über eine Lachsscheibe, die über den Gartenzaun fliegt oder die Erleichterung darüber, dass der beste Platz am Friedhof noch zu haben ist. Nun wurde lauthals gelacht, nachdem die Lyrik-Präsentation mit konzentriertem Ernst begonnen hatte. Man spürte: Die drei Autoren schätzen einander. Siegfried Völlger vermutet, dass dies auch daran liegt, dass sie so unterschiedlich dichten. In der überschaubaren Augsburger Lyrikszene kennen sich die drei schon länger. Völlger und Sessner ist dann erst später aufgefallen, dass sie in Sichtweite voneinander entfernt wohnen.

Einig war sich das Trio, als Moderator Kurt Idrizovic nach den Wünschen zu Brechts Geburtstag fragte. Dem bekannten Jubilar wünschen die Lyriker viele Leser, für sich selbst natürlich ebenso und dazu viele Einfälle.

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