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Künstler

25.04.2019

Georg Bernhard war als junger Mensch "ein frecher Hund“

Der Künstler Georg Bernhard wird heute 90 Jahre alt. Er arbeitet täglich in seinem Atelier in Riederau am Ammersee und hat dabei, wie er sagt, einen „Riesenspaß“. Rechts im Bild Bernhards Neffe Titus Bernhard, der bekannte Augsburger Architekt.
Bild: Michael Schreiner

Über Jahrzehnte hat Georg Bernhard das Kunstgeschehen mitgeprägt. Im Gespräch erzählt er, wie seine Gemütslage an seinem 90. Geburtstag am 25. April ist.

„Hält die Kunst Sie jung und wach?“ Die vorab notierte Frage an Georg Bernhard muss nicht gestellt werden. Sie beantwortet sich nach wenigen Minuten von selbst.

Kurz vor seinem 90. Geburtstag empfängt der unermüdlich schaffende Augsburger Zeichner, Maler, Lehrer und Gestalter in seinem Haus in Riederau am Ammersee, wo er seit 1954 wohnt, wenn er nicht gerade in Augsburg ist. Temperamentvoll, schlagfertig, die wachen Augen neugierig bis angriffslustig blitzend, immer mal wieder laut auflachend – so erleben Besucher den Mann, der über Jahrzehnte das Kunstgeschehen in Augsburg und darüber hinaus mitgeprägt hat. Bernhard hat Spuren hinterlassen: Als Professor an der Fachhochschule Augsburg (1971-1991), als Mitglied in vielen Jurys und Kunstbeiräten, als künstlerischer Ausgestalter von über 100 Kirchen und öffentlichen Gebäuden bayernweit – und natürlich als passionierter Maler und Zeichner, der seine Arbeiten in zahllosen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt hat. Georg Bernhard ist immer seinen Weg gegangen – auf eine Karriere am Kunstmarkt hat er nicht spekuliert. „Gelddinge haben mich nie interessiert“, sagt er. Ihm hat gereicht, dass er immer wusste, was er wert ist.

„Schon als Kind wollte ich Künstler werden“, sagt Georg Bernhard – „es erfüllt mich. Ich mach’ es weiter bis zum Umfallen.“ Sein Neffe und Patenkind, der Star- architekt Titus Bernhard, richtet „dem Schorsch“, wie er ihn nennt, eine persönliche Hommage aus, die heute, am 90. Geburtstag des Künstlers, im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast eröffnet wird. Es ist eine besondere Ausstellung mit vielen bislang noch nicht gezeigten Werken, die Titus Bernhard zusammen mit Thomas Elsen kuratiert hat. Titus Bernhard hat schon als Kind dem Onkel im Atelier über die Schulter geschaut.

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Im Interview unterhält Georg Bernhard durch viele Anekdoten. Wie er den abstrakten Maler Fritz Winter am Ammersee kennengelernt hat („der hatte an mir einen Narren gefressen“) wie rabiat der Architekt Thomas Wechs, mit dem er viele Kirchen gestaltet hat, aufgetreten ist. Bernhard selbst kann aber auch schimpfen, poltern. Es gibt Campari, der Blick aus dem Wohnzimmer fällt auf eine mächtige Eiche draußen im Garten.

Herr Bernhard, Sie sind bald 90, arbeiten aber noch täglich im Atelier. Was treibt Sie noch an?

Georg Bernhard: Ich hab’ das Gefühl, dass manche ältere Bilder nichts taugen. Die kann ich nicht sein lassen, die nehme ich mir noch mal vor, überarbeite sie. Manche würde ich am liebsten verbrennen … Das erzeugt eine gewisse Unruhe, die gut ist. Das Zeichnen bringt mich in Spannung. Und dann mache ich gerade Collagen, das macht einen Riesenspaß.

Sie suchen die Herausforderung mit dem eigenen Werk?

Georg Bernhard: Das geschieht ganz automatisch. Und wenn’s gelingt, habe ich Freude.

Arbeiten Sie für sich oder denken Sie an das spätere zeigen und ausstellen?

Georg Bernhard: Nein. Als junger Mann will man eine gewisse Berühmtheit erlangen. Und jetzt ist mir das wurscht. Ich bin mir der härteste Kritiker.

Titus Bernhard: Diese Selbstkritik, ist die bei Dir mit zunehmendem Alter gekommen? Ich stelle die bei mir auch fest …

Georg Bernhard: Ja. Als junger Mensch war ich schon ein frecher Hund, ich war der jüngste an der Akademie in München. Der Maler Rudi Tröger erzählte mir mal, sie hätten mich „den kleinen Rembrandt“ genannt (lacht).

Das Sujet, das in Ihrem Werk allgegenwärtig ist, ist die Figur …

Georg Bernhard:Ja, das ist einfach das Interessanteste, weil der Mensch kein Möbel ist. Da fällt einem immer wieder was Neues auf. Ich zeichne immer wieder drauf auf Gezeichnetes.

Sie sind frei. Sie machen das, was Sie für richtig halten?

Georg Bernhard: Mir redet keiner mehr drein.

Titus Bernhard: Du bist so, wie du bist, sehr authentisch. Du stehst für dich, auch für eine Qualität, die unabhängig ist und nicht auf den Markt schielt.

Georg Bernhard: Als junger Künstler hast du Vorbilder, klar. Bei mir waren das Michelangelo, Leonardo, Rembrandt natürlich, Goya und Picasso. Dann aber musst Du deinen Weg finden. Dass man einen gewissen Bekanntheitsgrad haben will, ist legitim. Aber für mich ist der wichtigste Maßstab, wenn Kollegen dich kaufen. Das ist ein Maßstab.

Sie sammeln Papiere, Sie schnitzen sich Ihre Rohrfedern aus Schilf hier vom Ammersee. Wie wichtig ist Material für Sie?

Georg Bernhard: Ich habe noch ein paar Blätter aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Die sind besser als die heutigen. Die haben weniger Leimung, sind handgeschöpft, eine schöne Ruppigkeit, die saugen die Tinte ein.

Dieses Achten auf Technik, Materialeigenschaften, Handwerk – das sind wichtige Attribute Ihrer Kunst?

Georg Bernhard: Ich glaube, ich bin einer der letzten klassischen Freskomaler, die es noch gibt. Deshalb tue ich in meine Bilder ja auch immer Sand rein, so dass eine freskale Oberfläche entsteht. (Bernhards Frau Brigitte wirft ein: „Er ist gefürchtet, wenn er in den Künstlerbedarfsladen geht. Da gehen alle in Deckung...“)

Sie waren Jahrzehnte Professor an der Fachhochschule in Augsburg. Was war das Wichtigste, das Sie Ihren Studierenden vermitteln wollten?

Georg Bernhard: Die Grundbegriffe des Zeichnens und Malens – und die Ehrlichkeit des Machens. Eigentlich wollte ich ja gar kein Lehrer werden. Aber der Heinz Butz, der ist irgendwann gegangen – und dann fragte man mich, ob ihn nicht ersetzen könnte. So bin ich reingerutscht. Und dann hat’s Spaß gemacht.

Verfolgen Sie den Weg von Schülern?

Georg Bernhard: Ich habe mit einigen später auch gemeinsam ausgestellt und noch Kontakt – Willi Weiner, Eugen Müller, eine ganze Reihe.

Haben es junge Künstler heute einfacher, als Sie es hatten?

Georg Bernhard: Nein! Viel schwerer. Es kauft keiner mehr, das hat sich total gedreht. Gute Kunst wird nicht gekauft. Die Künstler sind teilweise selbst mit schuld: Sie überstrapazieren den Käufer oder den Betrachter.

Sie haben einmal gesagt: Mir scheint, dass durch die Computerwelt Kreativität verloren geht? Gilt das noch?

Georg Bernhard: Mit dem Internet haben die Leute eine Waffe in der Hand, die die Welt zerstören kann. Die Grafiker haben früher Bäume gezeichnet – das können die heute alles abrufen auf Knopfdruck vom PC. Ein Architekt sagte mir mal: Das geht schneller und ist schöner als selbst gezeichnet. Für mich aber bleibt immer wichtig, in der Natur zu zeichnen, Akt zu zeichnen. Das ist der Ausgangspunkt – Auge schärfen, Hand schärfen. Die Kreativität, das ist für mich, dass einem was einfällt, was nicht alltäglich ist.

Welche Bedeutung hat Ihre lebenslange künstlerische Tätigkeit für Ihre Sicht auf die Welt?

Georg Bernhard: Beschissen! (lacht laut) Nun, also, mir tun die Nachkommen leid. Im Ernst: Ich habe kompromisslos mein Leben gelebt. Und es hat auch Spaß gemacht. Die Welt hat mich sehr verwöhnt. Für mich ist Karriere kein Begriff. Ich wollte einfach immer nur malen, zeichnen.

Man sagt Ihnen nach, dass Sie gerne Klartext sprechen und ziemlich raubeinig sein können...?

Georg Bernhard: (lacht) Als Juror war ich hart und rigoros. Aber ich habe eben immer den Mund aufgemacht und gesagt, was ich denke. Ich kann nicht sagen, oh, das ist toll und find’ es aber Scheiße.

Diese Entschiedenheit gewinnt man, wenn man sich selber sicher ist, wenn man Maßstäbe hat …

Georg Bernhard: Mit dem Erfolg zusammen und Charakter. Ich hatte eine schwere Jugend, ich musste mich durchkämpfen. Freundleswirtschaft habe ich nicht gemocht.

Titus Bernhard: Bist du als Lehrer oder in einer Jury nicht mal kollidiert mit jemandem, der eine ganz andere Meinung hatte, die aber auch gut ist?

Georg Bernhard: Nein. Das habe ich gelten lassen. Da habe ich die Ohren gespitzt, wenn einer sich gut erklären und überzeugen konnte.

Wie würden Sie denn Ihre Gemütslage jetzt so kurz vorm 90. Geburtstag bezeichnen?

Georg Bernhard: Eigentlich sollen die mich alle in Ruhe lassen (lacht).

Und abgesehen davon?

Georg Bernhard: Ich bin glücklich, dass ich Maler sein darf.

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