Theater

05.04.2019

Gerangel um das heilige Kreuz

Die heilige Helena findet in Jerusalem das originale Kreuz Christi auf. Entnommen ist diese Abbildung, die einen Kupferstich nach den Fresken Johann Georg Bergmüllers zeigt, dem Katalog „Treffpunkt Heilig Kreuz“.
Bild: Katalog/Diözesanmuseum

Ein mittelalterliches Mysterienspiel erwacht nach 500 Jahren in der Kirche Heilig Kreuz zum Leben. die Laiengruppe des Sensemble-Theaters hat gute Gründe, es als episches Theater aufzuführen.

Rom im Jahre 312: Im Imperium streiten sich vier Kaiser um die Vorherrschaft. Vor den Toren der Stadt kommt es an der Milvischen Brücke zur Entscheidungsschlacht. Kaiser Konstantin fordert seinen Rivalen Maxentius heraus und siegt im Zeichen des christlichen Kreuzes. Das alte Heidentum ist erledigt.

Was für ein Stoff für ein Theaterspiel! Vor allem, wenn daraus Hoffnung erwächst, den eigenen Feind – die gegen das christliche Abendland anrückenden kriegerischen Türken – genauso zu bezwingen. Tatsächlich enthält ein spätmittelalterlicher Handschriftenband des Augsburger Kaufmanns Claus Spaun ein Heilig-Kreuz-Spiel, das um das Jahr 1500 an der Stiftskirche Heilig Kreuz aufgeführt worden sein dürfte. Nach 500 Jahren wird es wieder zum Leben erweckt. Am Sonntag, 7. April, 19.30 Uhr, kommt es neu eingekleidet, aber im alten kraftvollen Sound in derselben Kirche auf die Bühne.

Das Spiel passt zur Ausstellung „Treffpunkt Heilig Kreuz“

Klaus Wolf, Professor für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters, hat die Neuinszenierung des volkstümlichen Spiels angeregt. Hervorragend passt es ins Begleitprogramm der Ausstellung „Treffpunkt Heilig Kreuz“ im Diözesanmuseum. Erst Wolf fragte nach, was das alte Spiel mit Augsburg zu tun hatte. Sicher geriet es nicht zufällig als Abschrift in die Sammlung eines Augsburger Liebhabers. Immerhin bestand bei Heilig Kreuz eine große Bruderschaft, die sich das Theaterspiel beim Domkapitel genehmigen ließ. Schließlich galt die Aufführung religiöser Stoffe als eine fromme Tat und es winkte sogar ein Ablass für die Zuschauer – die sich natürlich auch bestens amüsierten.

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Denn es geht recht deftig zu in dem Heilig-Kreuz-Spiel. „Da wird einem Türken der Kopf abgeschlagen und bei der typisch spätmittelalterlichen Frontstellung von Christen und Muslimen ist es mit der Toleranz nicht weit her“, verrät Wolf. Im Kern wurde es nämlich bald nach der Eroberung Konstantinopels, des heutigen Istanbul, im Jahr 1453 geschrieben. Deshalb hat Klaus Wolf vorgeschlagen, das Stück mit den Mitteln des epischen Theaters in die Gegenwart zu bringen. Schließlich habe Bert Brecht seine Methode von den mittelalterlichen Mysterienspielen abgeschaut. Das heißt: Zwei Kommentatoren begleiten die Aufführung und erläutern den heutigen Zuschauern das damalige Zeitkolorit und rücken die ärgsten Zumutungen zurecht.

Die Schauspieler tragen alle dieselbe schwarz-weiße Kutte, nur ihre (abstrakten) Abzeichen zeigen an, ob sie Christen, Moslems oder Juden sind. Was aber auch immer wieder wechselt. Das Mysterienspiel erzählt sowohl die Bekehrung Konstantins, der seinen Sieg als Christ errang, als auch die Legende seiner Mutter Helena, die ins Heilige Land reiste, um das Kreuz Christi aufzufinden. Das hat allerdings ein Heide geraubt und schließlich mithilfe eines Juden ausfindig gemacht. Natürlich steckt viel zeitgenössischer Stoff in dem Spiel, sei es die Türkengefahr, deren Heere immer weiter donauaufwärts vordrangen, seien es die berüchtigten hussitischen Heerführer, gegen die die Habsburger das Kreuz predigen ließen. Auch gewalttätige Druckmittel gegen die Juden spielen eine Rolle. Prof. Klaus Wolf hält es für wahrscheinlich, dass seinerzeit die Aufführung auf dem wüsten Judenfriedhof an der Blauen Kappe, unweit der Kirche Heilig Kreuz, stattfand. Denn die Reichsstadt hatte 1438 die Juden ausgewiesen und deren Grabsteine für Baumaßnahmen zweckentfremdet.

In die Sprache muss man sich einhören

Zwei Tage habe das originale Spiel beansprucht, so Wolf. Für die Wiederaufführung wurde es auf eineinhalb Stunden gekürzt. Der Germanist lobt die Arbeit von Regisseurin Daniela Nering mit der Laiengruppe des Sensemble-Theaters. „Bei jeder Probe ist das Stück verändert worden, es war ein spannender Prozess. Die Schauspieler haben sich eingebracht. Verse wurden gestrichen, andere aufgenommen. Das Team ist eine verschworene Gemeinschaft geworden wie seinerzeit bei den Bruderschaften“, sagt Wolf.

In die Sprache muss man sich ein bisschen hineinhören, in Wörtern wie liabe, guate brieder klingt eine süddeutsche Lautung an, allerdings mit heute ungebräuchlichen Begriffen. Es ist laut Wolf das frühneuzeitliche Kanzleideutsch, wie es am Hof von Kaiser Maximilian verwendet wurde – herb, farbig und kraftvoll.

Aufführungen am Sonntag, 7. April, 19.30 Uhr, in Heilig Kreuz und im Juli auf der Westchorbühne vor St. Moritz.

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