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Internationaler Jazzsommer

18.07.2019

Heißer Kampf um die musikalische Vorherrschaft

Virtuos und kurzweilig: das Wolfgang Muthspiel Quintett, hier mit Wolfgang Muthspiel (von links), Matthieu Michel und Joe Sanders.
Bild: Eric Zwang Ericsson

Der Wiener Gitarrist Wolfgang Muthspiel und sein Quintett dringen im Botanischen Garten zur Essenz des Jazz vor. Der Bassist ist dabei besonders unverfroren

Ein lauer Sommerabend im Botanischen Garten, es ist Mittwochabend im Juli und der internationale Augsburger Jazzsommer sorgt wieder dafür, dass die Stars der Jazzszene den Weg in die Fuggerstadt finden. Das bewies Programmmacher Christian Stock bereits letzte Woche mit dem fulminanten Eröffnungskonzert einer echten Allstar-Band aus den USA.

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An diesem Mittwoch präsentierte nun Wolfgang Muthspiel seine Musik den knapp 600 erwartungsvollen Jazzfans im Rosenpavillon. Bevor diese in den Genuss einer weiteren topbesetzten Band kamen, spielte der Wiener Gitarrist allerdings zunächst eine beeindruckende Solonummer, in der bereits deutlich wurde, worum sich an diesem Abend musikalisch alles drehen sollte: um die Essenz des Jazz, die Improvisation. So erfrischend spontan er sich durch Stilistiken und Melodie-Zitate schlängelte, von Folk-Rock-Licks über „All my lovin’“ von den Beatles zu klassisch anmutenden fugalen Tonfolgen, so kurzweilig und imposant war dieser Konzertbeginn an der klassischen Nylon-Gitarre.

Sie summen, grummeln und johlen

Dann wechselte Muthspiel zur halbakustischen Variante des Instruments, der Rest der Band kam mit auf die Bühne und machte da weiter, wo der Solist vorher aufgehört hatte. Muthspiels Komposition „Descendants“ blühte förmlich auf in einer Kollektivimprovisation, in der vor allem Bassist Joe Sanders und Schlagzeuger Jeff Ballard eine brodelnde Energie auf die Bühne brachten, die sich immer weiter aufstaute, sie innerlich beinahe zerriss, um sich dann in explosiven musikalischen Ausbrüchen zu entladen. Mit theatralischen Bewegungen und immer wieder summend, grummelnd, johlend, teils schreiend fetzten die beiden Rhythmiker über ihre Instrumente und rissen somit das Zepter an sich.

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In der nächsten Nummer, die auf einer im Jazz weit geläufigen Akkordfolge, den sogenannten Rhythm-Changes, basierte und damit die Traditionsverbundenheit der Truppe unterstrich, trieb Sanders seine zu dieser Zeit errungene Bühnenherrschaft auf die Spitze, als er dem Pianisten Colin Vallon, einem absoluten Topspieler von Weltformat, durch schwer zuzuordnende Viertelton-Verschiebungen der Basslinie schlichtweg keine harmonische Möglichkeit ließ, sein Solo zu beginnen und diesen ratlos und verdutzt am Instrument verharren ließ, als hätte er ihm sein Spielzeug weggenommen. In seiner Genialität und gleichzeitig Unverfrorenheit kaum zu übertreffen, ein echtes Zuckerstückchen der Kommunikation und Interaktion, was den Jazz ja so lebendig und leidenschaftlich macht.

Der dadurch herausgeforderte Vallon holte sich sein Solo im darauf folgenden hart swingenden Straight-Ahead-Teil zurück und bewies spätestens im Intro zum nächsten Stück „For Django“ – gewidmet dem Jazzpianisten Django Bates – sein ganzes Können.

Auch Trompeter Matthieu Michel zeigte sowohl bei energisch rockenden Konzertabschnitten als auch in den ruhigeren Teilen, wie etwa der Abwandlung des Jazzstandards „Some day my prince will come“, wie gut ihm diese freie Art des Musizierens liegt. Gemeinsam mit Muthspiel bildete er die melodische Fraktion. Der Gitarrist verzichtete nämlich fast gänzlich auf seine harmonische Rolle, was dem Pianisten natürlich wiederum viel mehr Freiheiten einräumte. Spannend und spektakulär, wie der Österreicher neben seinen sechs Saiten auch seine zahlreichen Effekte gekonnt einzusetzen wusste. Ob Looper, Reverse-Hall oder Octaver, innerhalb eines Solos so oft und musikalisch sinnvoll auf die salopp genannten Tretminen zurückzugreifen und dadurch den Gitarrenklang maßgeblich zu verändern, das hört man wirklich selten.

Die virtuosen Stücke „Kanon in 6/8“ und „Where the river goes“, der Titelsong des aktuellen Tonträgers, schlossen dieses zweite Highlight des Festivals ab, und mit einer kurzen und sehr versöhnlichen Version von Horace Silvers „Peace“ als Zugabe verabschiedete sich die Band dann endgültig.

Nächster Termin des Internationalen Jazzsommers ist das Doppelkonzert des Harrycane Orchestras und des Emil Brandqvist Trios am  19. Juli, um 20 Uhr im Botanischen Garten.

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