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Kulturentwicklung

28.04.2018

Heraus auf die Straße!

Der Traum von einem Museum: ein volles Haus, ein bunt gemischtes Publikum (hier bei der Langen Kunstnacht 2015 im Maximilianmuseum).
Bild: Silvio Wyszengrad

Zu Beginn der Bürgerbeteiligung provoziert der Chef des Leipziger Stadtmuseums: Es reicht nicht mehr, schöne alte Dinge zu sammeln und zu präsentieren

Als Kind hasste er Museen. Langweilig, dunkel, viel zu gediegen, die Objekte unnahbar, mit drögen Inventarnummern und Hinweisen beschriftet. „Wieso muss unter einer Brille ,Brille‘ stehen?“, fragt Volker Rodekamp. Der Direktor des stadtgeschichtlichen Museums Leipzig liebt es, sein Publikum und auch die anwesenden Museumspraktiker der Stadt zu provozieren. „Wir müssen uns neu aufstellen, öffnen, auf gesellschaftliche Debatten reagieren, kreativ sein, moderieren“, fordert er vor den etwa 130 Zuhörern im Stadtwerkesaal, die zur ersten Bürgerbeteiligung am Museumsentwicklungskonzept gekommen sind.

Statt weiterhin der alten Logik – Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen – zu folgen, sollten Museen die Dinge Dinge sein lassen und sich auf die Menschen zubewegen, meint Rodekamp. Dafür dürften die Ausgaben für Kuratoren nur noch ein Viertel der Personaletats betragen, damit mehr für Kommunikation und Partizipation bleibt. Ein Museum ohne Objekte? Gegen Ende seines Impulsvortrags „Museen im Wandel“, den er auf Einladung des städtischen Kulturreferats hielt, wird die Bewahrung der Dinge zum Glück doch wieder zu einer der Kernaufgaben. Immerhin verwahrt er selbst in seinem Leipziger Haus auch 600000 Dinge. In den acht Museen der Kunstsammlungen Augsburg gibt es 300000 Objekte, plus 60000 Bücher.

Im Rahmen der Suche nach einem neuen Museumskonzept für Augsburg ist Rodekamp jedoch für Visionen zuständig, nicht fürs Konkrete. Also fordert er neue Zugänge zum kulturellen Erbe. Auch an einer digitalen Strategie führe für die bundesweit 6700 Museen kein Weg vorbei. Für Christof Trepesch, den Direktor der Augsburger Kunstsammlungen, ist das Wasser auf die Mühlen. „Genau das, was wir wollen. Allerdings hatten wir dafür in den letzten 14 Jahren nur eine Fachkraft in Teilzeit zur Verfügung. 8000 Objekte sind lediglich digital erfasst. Mit mehr Personal ließe sich die berechtigte Forderung nach besserer Forschung und einem barrierefreien Zugang tatsächlich erfüllen“, erklärt er am Rand der Veranstaltung.

Rodekamps Leipziger Stadtmuseum legte in den vergangenen Jahren neue Programme auf: raus auf die Straße, rein in die Quartiere. Die Beteiligung der Menschen sorge für eine neue Verankerung der Häuser in der Stadtgesellschaft. Und das, so der Experte, ist nötig. „Ich will kein Museum mehr für Eliten, in dem die Museumsmacher selbstgefällig entscheiden, was relevant ist“, betont Rodekamp. Mehr Geld müsse es für diesen Wandel nicht unbedingt geben, wichtiger sei die Haltung. Die Hälfte der aktuell 6700 Museen in Deutschland sei erst in den letzten zehn Jahren eröffnet worden, die Budgets wurden also bereits erhöht.

Eine anschließende Trendabstimmung im Stadtwerkesaal zeigt, dass hundert Prozent der Augsburger Zuhörer für ein neues Römermuseum sind. Dieses eindeutige Votum und auch die zahlreichen Einzelmeldungen zum Römer-Erbe versetzen zwar nicht das mit Augsburger Museumsmachern besetzte Podium in Staunen, wohl aber die Moderatoren der Veranstaltung.

Matthias Henkel, Inhaber der Berliner Agentur Embassy of Culture, und Jochen Ramming, Geschäftsführer von Frankonzept in Würzburg, haben seit November den Auftrag, die Augsburger Museumslandschaft zu analysieren und die Bürgerbeteiligung zu organisieren. Auf die Diskussion am ersten Abend folgte am nächsten Abend im Stadtwerkesaal eine etwa dreistündige Ideenwerkstatt mit den Moderatoren, an der etwa 80 vorwiegend jüngere Menschen teilnahmen, außerdem zahlreiche Experten von Universität und Kunstsammlungen.

Auf hunderten Karteikarten standen die Ergebnisse: Die Augsburger Museen werden als Treffpunkte gewünscht, die Vermittlung soll weniger wissenschaftlich sein, Toiletten, Gastronomie und vor allem der Zugang barrierefrei verbessert werden. Inhaltlich fordern die Beteiligten ein Römisches Museum, mehr Partizipation, eine Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts, Migrationsgeschichte und die Realisierung der Halle 116 im Reesepark als Gedenkort.

Zum Römischen Museum ruft Christof Trepesch die Rathauspolitiker auf: „Der Stadtratsbeschluss für ein zusätzliches neues Haus neben der Dominikanerkirche liegt seit 2009 vor, wird aber nicht umgesetzt. Dies ist ein Appell an die Politik!“ Die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung werden jetzt ausgewertet und mit den Fachleuten in das neue Museumskonzept eingearbeitet. Die Öffentlichkeit soll im Herbst erfahren, was das Konzept vorsieht.

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