Kiste

11.02.2020

Herrlicher Unsinn mit Brecht

Menschliche Liebe und animalische Triebe in Wort und Ton präsentierten Wolfgang Lackerschmid und Stefanie Schlesinger.
Bild: Mercan Fröhlich

Stefanie Schlesinger, Wolfgang Lackerschmid und Andreas von Studnitz feiern den Geburtstag des Dichters in Wort und Ton - manchmal auch mit krassen Brüchen.

Wer könnte den 122. Geburtstag des heute hoch verehrten Sohnes der Stadt Augsburg, Bertolt Brecht, besser begehen als Wolfgang Lackerschmid? Gehört er doch zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten neuer Vertonungen von Texten des Lyrikers und Dramatikers, autorisiert von Brechts Erben. In die schon seit Tagen ausverkaufte Kiste brachte er Jazzsängerin und Komponistin Stefanie Schlesinger sowie Theaterregisseur und Schauspieler Andreas von Studnitz mit, um mit Wort und Ton die Konsequenzen menschlicher Liebe und animalischer Triebe zu verhandeln.

Lässige Gleichgültigkeit entschärft harte Zeilen

Beim Text zum Eingang, „Verschiedene Arten des Philosophierens“, zeigte das Trio die verschiedenen Arten des Vortrags: Von Studnitz erzählt unbegleitet, fast beiläufig anekdotisch, bevor Lackerschmids Vibraphon das Tempo setzt und die Erzählung zum rhythmischen Rezitativ werden lässt. Man spürt den Sand des madagassischen Strandes zwischen den Zehen, wenn man in Gedanken Balaam Lai beobachtet, wie er auf der Insel im Indischen Ozean alleine ins Bett gehen muss. Als schließlich Stefanie Schlesinger mit einem dezenten Vocal Solo einsteigt, bekommt der Vortrag eine dritte Farbe – einen warmen, versöhnlichen Ton, der eine harte Zeile wie „Dass ich es weiß: So feil ist Weiberfleisch“ in ihrer lässigen Gleichgültigkeit entschärft.

Danach wird aus dem Trio ein Doppelduo. Die sprechenden männlichen Figuren in den erotischen Gedichten werden von Andreas von Studnitz als zynische Karikaturen gezeigt, vorgetragen mit verschränkten Armen und einem ernsten „Ja, so ist das!“ in den Augen, unheilvoll vertont von mal sphärischen, mal perkussiven Klängen des Vibraphons. Besonders beeindruckend gelingt das bei der Legende der Dirne Evelyn Roe, ein Lied von paternalistischem Machtmissbrauch, leeren Versprechungen und Abweisung bis über den Tod hinaus.

Herrlicher Unsinn mit Brecht

Wunderbare Jazzkompositionen zu Brechts späten Gedichten

Für die krassen Brüche im Programm, wie Stefanie Schlesinger selbst feststellte, sorgte sie dann selbst: mit Wolfgang Lackerschmid – und das ist ein seltener Anblick – am Flügel. Für Brechts Kindergedichte, wie das herrlich naive „Der Pflaumenbaum“, schrieb Lackerschmid wunderbare kleine Jazzkompositionen, die den größtmöglichen Kontrast zu den harten Zeilen Brechts späterer Gedichte bilden und das Duo nach einem verrauchten Berliner Nachtklub in den 20er Jahren klingen lassen. Das Lied „Die Kuh beim Fressen“ wird mit einem wissenden Grinsen angesagt, ist es doch vermeintlich herrlicher Unsinn. Doch stellt man sich das große Tier vor, wie es mit hochgezogenen Brauen mit mächtigem Kiefer vorsichtig einen einzelnen zarten Halm zerkaut, wird man wieder daran erinnert, dass hinter den Smartphonebildschirmen an jeder Ecke des Alltags Beobachtungswertes lauert – eine Erinnerung an die kindliche Beobachtungsgabe und auch die kindische Freude, wenn die Pointe des Liedes das Defäkieren der Kuh ist.

Als am Schluss von Studnitz als oberbayerischer Bierkellerstammgast über Vitalität spricht, so wie sie bei Baal gemeint ist, fällt einem die Zeile aus dem Choral vom großen Baal ein: „Genießen ist bei Gott nicht leicht.“

Es sei denn, man sitzt an Brechts Geburtstag in der Kiste.

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