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Augsburger Philharmoniker

04.06.2019

"Idée Fixe" Bei diesem Sinfoniekonzert gibt es was zu feiern

Blumen für die Solistin: Ragna Schirmer wird beglückwünscht von Domonkos Héja und dem Orchester. 
Bild: Michael Hochgemuth

Zu den Komponistenjubilaren, die das Jahr 2019 mit sich bringt, gehören Clara Schumann und Hector Berlioz. Überragendes gelang aber nur in einem Fall.

Die schönsten Konzerterlebnisse sind oftmals jene, die man als solche gar nicht auf der Rechnung hatte. Natürlich, und nicht ohne Grund, geht man immer mit hohen Erwartungen in ein Konzert der Augsburger Philharmoniker. Dass aber gerade die Aufführung eines Werk von Hector Berlioz überwältigend geraten würde, das war von Domonkos Héja und seinem Orchester mangels bisheriger Berlioz-Taten nicht von vornherein zu erwarten gewesen.

Dabei begann der Abend im Kongress am Park noch gar nicht so, wie er sich am Ende darstellte. Die Eröffnung bildete eine Ouvertüre von Robert Schumann, jene zu den „Szenen aus Goethes Faust“, einem nur höchst selten zur Gänze aufgeführten, monumentalen und formal zwischen Kantate, Oratorium und Sinfonie mäandernden Werk. Den einleitenden Orchestersatz legte Schumann als musikalische Studie des faustischen Charakters an: dunkel in der Grundstimmung, mit hoch auffahrenden Gesten, kantig-streng im allgemeinen Auftritt. Das war gewiss mit Verve dargeboten von Héja und den Philharmonikern, doch fehlte der Interpretation der innere Zusammenhang und nicht zuletzt der Bezugspunkt – was vermutlich einfach daran lag, dass Ouvertüren von Haus immer ein wenig wirken wie Köpfe ohne den dazugehörigen Rumpf, in diesem Fall die eigentlichen „Faust-Szenen“.

Pianistin Ragna Schirmer wird Erinnerung an Clara Schumann neu entfachen

Wo der Name Schumann erscheint, denkt man in diesem Jahr nicht nur an Robert, sondern auch an Clara, seine Frau. Vor 200 Jahren wurde sie geboren: Eine der großen Klavierinterpretinnen des 19. Jahrhunderts, aber auch hervorragende Komponistin, ein Faktum, das erst langsam ins allgemeinen Bewusstsein sinkt. Dies zu befördern, ist seit längerem ein Anliegen der Pianistin Ragna Schirmer, die gerade erst ihre neue CD Clara Schumann gewidmet hat. Für die Aufführung ihrer wohlbedeutendsten Komposition, dem Klavierkonzert in a-Moll, war Schirmer von den Philharmonikern als Gast geladen worden. In ihrer Interpretation des Konzerts fand die Solistin eine schlüssige Balance zwischen pianistischem Glanz und der Darstellung inhaltlicher Substanz, auch wenn die Gelassenheit Schirmers, der Héja willig folgte, in den Ecksätzen hin und wieder auf Kosten der Spannung ging. Stark jedoch der langsame Mittelsatz des Konzerts, eine Solo-„Romanze“ rein fürs Klavier, zu dem sich lediglich das Solocello gesellt, unter dessen Kantilene Schirmer wunderbar hingetupfte Akkorde legte. Ein Kabinettstück auch die Zugabe, die „Träumerei“ aus Robert Schumanns „Kinderszenen“ – von Schirmer so gar nicht im Kinderton geboten, sondern voller Tiefgründigkeit.

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Symphonie fantastique in Augsburg - der Oboist schleicht sich davon

Und dann, nach der Pause, der andere Jubilar in diesem Jahr, gestorben vor 150 Jahren, Hector Berlioz. Mit seinem epochalen Stück, dem Inbegriff romantischer Orchestermusik (verstanden im weltanschaulichen Sinn) – mit der Symphonie fantastique, berühmt auch wegen des ihr vom Komponisten unterlegten Programms mit seinen „Szenen aus dem Leben eines Künstlers“. Doch jede gute Aufführung dieser Sinfonie kann auf die literarische Krücke verzichten, wenn ihre Interpreten nur ganz der Musik vertrauen. Und genau das taten Domonkos Héja und die Philharmoniker. Höchst agil der erste Satz, in dem die verschiedensten Stimmungslagen rasch und organisch wechselten, mal sehnsüchtig, mal hitzig, mal im resignierenden Schmerzenston. Duftig und am Ende auch mit einer Portion Pfeffer der Walzer in der „Ball“-Szene, herrlich sommerflimmernd die Pastoralstimmung im mittleren Satz – zu dessen Beginn sich der Oboist klammheimlich durch die Reihen der Orchesterkollegen stahl, um zwecks Fernwirkung von hinter der Bühne mit dem Englischhorn einen versunkenen Dialog zu führen.

Und dann, nach einem dieser knisternden Momente am Ende dieser Szene „Auf dem Lande“ (Pauken und Englischhorn), erstmals das Tutti: Scharf fährt die Blechbläser-Batterie nieder auf den „Gang zum Richtplatz“, entfaltet eine Härte und Wucht, die sich nicht aus bloßer Lautstärke speist, sondern herrührt aus tiefem interpretatorischen Verständnis. Der finale „Walpurgisnachtstraum“ schließlich wird durch den unermüdlich befeuernden und klug die Räume überblickenden Héja ebenso wie durch die präzise ineinandergreifenden, umwerfend klangsensibel spielenden Philharmoniker vollends zum Orchesterrausch. Keine Frage – das war die intensivste Leistung von Generalmusikdirektor und Orchester in dieser Konzertsaison.

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