Installation

13.10.2019

Im Fluss des stillen Betrachtens

„Ich bin gespannt, wie die Installation hier aufgenommen wird“, sagt die Oldenburger Künstlerin Bärbel Hische. In der St. Anna-Kirche setzt sie mit Video-Sequenzen auf einer großen weißen Leinwand einen Kontrapunkt zu barocken Kunstwerken und Kulturgütern.
Bild: Michael Hochgemuth

Die Medienkünstlerin Bärbel Hische hat St. Anna temporär verändert. Sie spannt vor die Empore eine weiße Leinwand und erschafft mit Videos neue Bilder.

Es sollte eine ganz kleine Intervention werden. Doch jetzt durfte die Videokünstlerin Bärbel Hische mit „White Silence“ spektakulär in den Kirchenraum von St. Anna eingreifen. Auf die ganze Länge der südlichen Empore ließ sie eine 4,50 Meter hohe weiße Stoffbahn aufspannen als eine monumentale Projektionsleinwand für wechselnde kurze Filmsequenzen. Knapp sechs Wochen lang verströmen diese stillen, beschaulichen Szenen ihre geheimnisvolle Energie im Sakralraum.

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Es sind jeweils Trilogien, die Bärbel Hische für St. Anna gedreht hat. Die kleinen Filme bestechen ebenso durch ihre Schlichtheit wie durch ihre Ruhe: Ein roter Kinderball mit weißen Punkten tänzelt sich sanft drehend in einem Wassereimer, eine leere Schaukel pendelt durch ein kahles Zimmer mit Fensterblick in einen Park, Hände eines älteren Menschen knoten ein rotes Seil in gleichmäßigen Schlaufen. Es passiert nichts Spektakuläres in diesen Videos, der Blick des Betrachters darf in aller Langsamkeit die Szene aufnehmen, ehe das Bild abblendet und nach zwei Minuten ein anderes Schaufenster aufgeht. Als Abschluss sind dann jeweils alle drei Sequenzen simultan zu sehen.

Der Sakralraum von St. Anna wird erheblich verändert

Wer die drei Teile einer Folge genau ansieht, wird verbindende Elemente darin entdecken: etwa die immer gleiche, sich wiederholende Bewegung des schwimmenden Balls, der schwingenden Schaukel und des Knotenknüpfens. Oder die schaumigen Schlieren auf der Windschutzscheibe in einer Autowaschanlage, die Luftbläschen eines auftauchenden Schwimmers im Bassin und die ausschauenden Menschen am Meeresstrand, die das Spiel der Wellen betrachten. Fünf Zyklen sind zu entdecken, die im gleichförmigen Rhythmus nacheinander in Stille ablaufen. Sie regen zu einer nachdenklich-intuitiven Meditation an. Über immer gleiche Vollzüge des gelebten Lebens, über Werden und Vergehen, über Qualitäten des Materiellen, über Bleiben und Weggehen. Kongenial passten dazu die ruhig fließenden Orgelstücke von Arvo Pärt, die Michael Nonnenmacher bei der Vernissage vortrug.

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„Ich bin gespannt darauf, wie die Installation hier aufgenommen wird“, sagte die oldenburgische Künstlerin bei der Eröffnung. In der strahlend hellen, evangelischen Augsburger Barockkirche St. Anna sei sie so überwältigt gewesen von der Menge an Kunstwerken und Kulturgütern, dass sie sich fragte: Wie schaffe ich es, Ruhe in diese Kirche zu bringen? Die Idee zu der überdimensionierten Projektionsleinwand war geboren. Das Weiß der Leinwand tat ein Übriges, den Sakralraum temporär erheblich zu verwandeln. Hinter der Leinwand verschwand ein Teil der Bilder, um mit den Projektionen neue Bilder entstehen zu lassen.

Stadtdekan Michael Thoma, der Hausherr in St. Anna, glaubt, dass der ins Weiß verwandelte Raum „ein ganz besonderer Ort, Gottesdienst zu feiern“, sein wird. Die Leinwand schließe Gewohntes zeitweise aus, während in den Videos Begegnungen, Sinnbilder und Augenblicke menschlichen Seins aufscheinen. Tatkräftig realisiert wurde die Installation vom Kunstausschuss St. Anna und der Maxgalerie von Annette Urban und Wolfgang Reichert, finanziell unterstützt von den Freunden von St. Anna und der Kreissparkasse Augsburg.

Bärbel Hische ist seit Abschluss ihres Studiums an der Hochschule der Künste Bremen (1987) in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten. Sie erarbeitet komplexe Installationen – auch im öffentlichen Raum. In ihren künstlerischen Werken verbindet sie Medien wie Malerei, Grafik, Fotografie und Objekte, die sich dann häufig in themengebundenen Werkgruppen präsentieren. Bärbel Hische lebt und arbeitet in Cloppenburg und in Potsdam. In Augsburg stellte sie bereits mehrmals aus, zuletzt 2017 in den „Petit Fours“ in der Maxgalerie und 2009 in der Ecke-Galerie.

zu den Öffnungszeiten von St. Anna (10 bis 18 Uhr, im November bis 17 Uhr; Montag 12 bis 17 Uhr), Eintritt frei. Am Mittwoch, 16. Oktober, 19.30 Uhr, erschließen bei einem ökumenischen Abend die Stadtdekane Michael Thoma (St. Anna) und Helmut Haug (St. Moritz) gemeinsam das Thema „Verhüllen und entdecken“.

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