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Brechtfestival

25.02.2019

Im Theaterlabor mit Bertolt Brecht und Helene Weigel

Bild: Heinz Holzmann

Plus Direkt zwischen Brecht und Weigel führt das Theaterexperiment "Antigone :: Comeback". Die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verwischt dabei zusehends.

Gemeinhin funktioniert das Theater ja nach einem altbewährten Prinzip. Es gibt Darsteller und Zuschauer, in der Regel so verteilt, dass es eher weniger Darsteller und eher mehr Zuschauer sind. Allein schon aus ökonomischen Gründen ist das eine sinnvolle Einteilung. Was aber passiert, wenn an diesen Verhältnissen gerüttelt wird, ja, wenn sie auf den Kopf gestellt werden? Genau das untersuchen der Regisseur Bernhard Mikeska, der Autor Lother Kittstein und die Dramaturgin Alexandra Althoff seit zehn Jahren gemeinsam.

Sie versetzen den Zuschauer in eine privilegierte Position. Er ist allein, während er ihre Inszenierungen ansieht. Der Zuschauer sitzt dabei nicht nur, er bewegt sich oder wird bewegt. In Frankfurt entstanden so Inszenierungen, die den Zuschauer zum Beispiel mit Kopfhörer und Mobilfunk in den öffentlichen Nahverkehr führten. Das waren auf den Busfahrplan ausgerichtete Versuche, in denen die Grenze zwischen Inszenierung und Realität verwischte.

Eine Assistentin kommt auf die Minute genau

In Augsburg ist die Produktion „Antigone :: Comeback“ zu sehen, die Raum+Zeit, so nennen sich die drei Theatermacher der anderen Art, mit dem Theater Chur entwickelt haben. In der Schweiz ist die Produktion übrigens jüngst für das Schweizer Theatertreffen eingeladen worden. Das Brechtfestival tritt bei „Antigone :: Comeback“ als Koproduzent in Erscheinung.

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Der Kleine Goldene Saal in Augsburg dient als Theaterlabor. Alle zwölf Minuten wird ein Zuschauer eingelassen. Also steht auf der Eintrittskarte zum Beispiel 18.24 Uhr. Eine Assistentin kommt auf die Minute genau, testet die 3-D-Brille und lässt einen noch ein wenig warten. Ein Zeitpuffer, eingerechnet, um eventuelle Verspätungen der Zuschauer abfangen zu können.

Nach dem Aufzug, mit dem es in den ersten Stock geht, wartet ein Stuhl. Zu sehen ist eine Tür. Über den Kopfhörer beginnt die Geschichte. Es geht zurück zu Bertolt Brecht und Helene Weigel, die im Januar 1948 in der Schweiz ankommen, nach 15 Jahren im Exil. Brecht will in Chur die Antigone inszenieren, Weigel steht als Hauptfigur auf der Bühne, beide haben eine Ewigkeit darauf warten müssen, wieder diesem Beruf und dieser Berufung nachgehen zu können, beide sind nervös.

Nach ein paar Minuten wird man als Zuschauer aufgefordert, aufzustehen, den Kopfhörer abzusetzen, die Tür in den Kleinen Goldenen Saal zu öffnen.

Kreon und Antigone in der Urtragödie

Dort wartet eine weitere Assistentin, die nicht spricht und mit strengem Blick auf eine Tür weist. Ein kleiner Raum ist mittendrin aufgebaut, ein Stuhl, ein Tisch, mehr nicht. Die Assistentin weist einen stumm an, eine 3-D-Brille aufzusetzen. Auf dem Bild dort der gleiche Raum, aber benutzt jetzt, ein Spiegel ist an der Wand, Schminke steht auf dem Tisch. In der Maske also. Und über den Text, den man über kleine Lautsprecher an der Brille hört, wird man immer näher zu den Proben für dieses Stück geführt: Kreon und Antigone in dieser Urtragödie, Brecht und Weigel, die wieder an einem Theater und für ein Theaterstück arbeiten können.

Wie ein Schauspieler einem Regisseur vertrauen muss, so muss man als Zuschauer plötzlich der Assistentin vertrauen, die man nicht kennt. Sie führt einen blind, immer noch mit der 3-D-Brille über den Augen, hinaus aus dem Raum. Man weiß nicht mehr, wo man sich befindet. Man ist jetzt in diesem Theater, in dem Brecht und Weigel proben. 1948. Man steht auf der Bühne. Unten sitzt Brecht im Publikum, weist einen an. Man wird Weigel, die Weigel, die vom Regisseur dort unten umgarnt und im nächsten Moment angegangen wird. Man sei ja noch nicht tot. Kreon steht plötzlich neben einem. Man erschrickt, weiß nicht, was man tun soll. Leidend schauen, darum geht es, leidend schauen. Aber: Man sei ja noch nicht tot.

Was das privat oder professionell?

Von dort geht es wieder weg, hinein in die Maske. Blind. Die Brille ab. Und Schreck! Jetzt ist die Weigel vor einem, in der Maske. Aus Fleisch und Blut. Berührt einen, fragt immer fort. Man stockt, ist man jetzt Brecht. Weiß nicht, was man ihr antworten soll, stammelt schüchtern. Gehört das dazu? Soll man, muss man jetzt mitspielen? Will man Brecht sein? In diesen Momenten verwischt die Grenze. Plötzlich wirkt die Weigel, die echte Schauspielerin vor einem, wie eine Figur aus dem 3-D-Film kurz zuvor. Die Grenze wird eingerissen, so wie zuvor die Grenze zwischen Brecht und Weigel eingerissen wurde: War das privat, war das professionell, ging es um ihr Spiel, ging es um sie als Mensch? Lässt sich das je trennen?

Zum Schluss, im letzten Bild wird der ganze Versuchsraum destruiert, dieses Zimmer, in dem man saß, wird im 3-D-Film wie eine Kulisse auseinandergebaut. Dahinter kommt die Natur zum Vorschein. Berge, ein Hochtal. Aber ist das nicht noch nur wieder eine Kulisse, eine grandiose Bergkulisse?

Danach darf man die Brille absetzen und sieht noch kurz ins Labor, hinter die Kulissen, während jemand anders in diesem Raum sitzt. Dort ist ein Tisch, an dem die elektronischen Fäden dieses Spiels zusammenlaufen. Mehrere Personen, schweigend, die alles stumm koordinieren. Dann darf man dieses Experiment verlassen, hat nicht applaudiert. Aber das lag nur daran, dass es irgendwie unpassend gewesen wäre inmitten des laufenden Stücks. Eine Theatererfahrung der besonderen Art. Großartig.

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