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Ausstellung

03.01.2020

In diesen Bildern Gerhard Richters wirken Trauma und Trauer nach

Ein radikales Bildkonzept fand Gerhard Richter für seine Birkenau-Bilder: Ohne die Schrecken des Vernichtungslagers zu stilisieren, schuf er eine komplexe Abstraktion und beließ es bei Räumen des Vagen.
Bild: David Brandt/Gerhard Richter Archiv Dresden

Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zeigt das Diözesanmuseum vier Wochen lang den Birkenau-Zyklus des Malers Gerhard Richter

Die Bilder entstanden heimlich und unter Lebensgefahr. Aus dem Dunkel einer Wohnbaracke heraus fotografierte im August 1944 ein Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau die Verbrennung von Leichen hinter der Gaskammer – unter freiem Himmel, auf dem nackten Erdreich. Der Künstler Gerhard Richter (geb. 1932 in Dresden) empfand einen so starken Eindruck, als er sie sah, dass er nach jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Thema 2014 seinen „Birkenau“-Zyklus schuf. Ihn präsentiert vom 9. Januar bis 2. Februar das Diözesanmuseum St. Afra in einer Sonderausstellung.

Gezeigt wird die Fotoversion der vier großformatigen Gemälde, wobei jedes davon wiederum in vier Fotografien auf hochbrillantem Alucobond geteilt ist. Die Ausstellung verdankt sich einer Leihgabe aus der Privatsammlung im Gerhard Richter Archiv, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Um sie hatte Prof. Gerda Riedl, die Hauptabteilungsleiterin für Glaube und Lehre, Kirche und Kunst, Hochschule, Bildungsarbeit sowie Gottesdienst im bischöflichen Ordinariat gebeten. Obwohl die Ausstellung recht kurzfristig mit Blick auf den 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 2020 konzipiert wurde, sei alles sehr zügig verlaufen. „Die Zusammenarbeit mit Dresden war sehr angenehm“, berichtet Riedl.

Vordergründig enthalten die Bilder nichts Figürliches

Auf eine künstlerisch-abstrahierende Weise sollen die Bilder Richters dazu anregen, sich mit schrecklichen Ereignissen, die bis in die Gegenwart wirken, auseinanderzusetzen. Raum geben sollen sie Trauma und Trauer, Scham und Schmerz auf eine weitaus tiefere Art, als es Gedenkreden und Nie-wieder-Bekenntnisse vermögen. Man kann die vier Bilder nicht einfach zur Kenntnis nehmen, denn sie enthalten vordergründig nichts Figürliches. Gerhard Richter konzentrierte sich vielmehr auf die Farben, die er in den historischen Fotos vermutete. Aus Rot und Grün sowie Schwarz und Weiß komponierte er geschichtete Malflächen, die wie schemenhafte Erinnerungen wirken.

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Lange schon hatte sich der Maler mit der Schoah beschäftigt. Zur Zeit des Frankfurter Auschwitz-Prozesses zwischen 1963 und 1965 hatte Richter Aufnahmen der englischen und amerikanischen Truppen aus den befreiten Lagern Buchenwald, Bergen-Belsen und Theresienstadt gesammelt. Allein die Verwendung von Fotografien der KZ-Opfer war damals im Zeichen der allgemeinen Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen fast skandalös. Für die Gestaltung einer zentralen Wand des umgebauten Reichstagsgebäudes griff Richter 1991 in seinen ersten Entwürfen erneut auf fotografische Dokumente des Massensterbens in den Lagern zurück, ohne diese Idee aber zu realisieren.

Richter verzichtet auf die Stilisierung des fremden Schmerzes

Offensichtlich spürte Gerhard Richter, dass auch der Künstler „nach Auschwitz“ seine moralische Autorität eingebüßt hat und es ihm nicht zusteht, sich über die Dinge zu erheben und selbstgerecht anzuklagen. Der Kunsthistoriker Benjamin Buchloh schreibt: „Richters eigener Anspruch, dem Verlangen nach Erinnerung gerecht zu werden und zugleich das Abbildungsverbot zu befolgen, musste zwangsläufig zu einer ganz anderen künstlerischen Position als jener führen, die Joseph Beuys immer vehementer vertrat.“

Dieses Foto eines Birkenau-Häftlings einer Leichenverbrennung im August 1944 inspirierte den Künstler Gerhard Richter.
Bild: Gerhard Richter Archiv Dresden

Konsequent verzichtete Richter auf jede Ästhetisierung des fremden Schmerzes. Auch den sonst üblichen Reichtum farblicher Zufallskonstellationen sucht man hier vergebens. Stattdessen entschied sich Gerhard Richter für ein radikales Bildkonzept, nämlich eine komplexe netzwerkartige Abstraktion, die sehr verhalten die Farben Grün und Rot einsetzt und ansonsten Räume des Vagen erschafft. Die Darstellung nimmt durchaus die Perspektive der heimlich aufgenommenen Fotografien aus Birkenau auf, vor allem den starken Lichtkontrast. Doch jegliche Stilisierung verhindern die beiden Farben mit ihrer irritierenden Virilität. Auch in Birkenau grünten die Bäume, als der Rauch der Krematorien aufstieg.

Das Rahmenprogramm zur Ausstellung

Laufzeit 9. Januar bis 2. Februar, geöffnet Di. bis Sa. 10–17 Uhr, So./Fei. 12–18 Uhr. www.museum-st-afra.de/

Führung Ernst Weidl erläutert Gerhard Richters „Birkenau“-Zyklus am Sonntag, 12. Januar, 15 Uhr, im Diözesanmuseum.

Studientag Unter dem Titel „Verzeihung des Unverzeihlichen? Zornige, traurige, nachdenkliche Stimmen zum Holocaust“ referiert die Philosophin Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bei einem Studientag am Freitag, 24. Januar, 15.30 Uhr, im Haus St. Ulrich.

Finissage In Nähe zum Schoah-Gedenktag ist am Sonntag, 26. Januar, 15 Uhr, Finissage im Museum. Es singt dazu Kantor Nikola David.


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