Newsticker

Söder hält Verlängerung der Kontaktbeschränkung bis Juli für richtig
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Feuilleton regional
  4. Inklusion andersherum: Mit Dunkelbrille durchs Museum

Fugger und Welser-Erlebnismuseum

20.10.2019

Inklusion andersherum: Mit Dunkelbrille durchs Museum

Hier, an Museumsführerin Claudia Böhme (links), kann die Zeit der Fugger und Welser auch befühlt werden.
Bild: Siegfried Kerpf

Wer nicht sieht, nimmt auch Vergangenes anders, mitunter unmittelbarer wahr. Das ist jetzt für jeden erlebbar – mit Dunkelbrille in die Zeit der Fugger und Welser.

Den Menschen, die im Foyer des Fugger und Welser-Erlebnismuseums warten, ist nicht anzusehen, aus welcher sozialen Schicht sie stammen, welchen Beruf sie ausüben. Alle tragen Jeans oder Chinos, Accessoires und Shirts nach persönlichem Stil farbenfroh, sportlich oder elegant. Vor 500 Jahren wäre das anders gewesen: Strenge Regeln legten fest, wer was, zu welchem Anlass tragen durfte. Eine katholische Ratsherren-Gattin beim Kirchgang hatte anders auszusehen als eine evangelische Magd beim Einkauf. Diese Unterschiede von damals, ausgestellt in „Unter der Haube – Kleiderordnungen im 16. Jahrhundert“ wird die Gruppe von heute in besonderer neuer Form erleben.

Die zehn Teilnehmer können weder die Exponate noch einander ansehen. Manche, weil sie sehbehindert sind, manche aber auch, weil sie Dunkelbrillen tragen. Und das ist neu. Denn während es Führungen für Blinde und Sehbehinderte schon seit 2016 gibt, möchte das Fugger und Welser-Museum nun „den Inklusionsgedanken auch umgekehrt deuten“ und lädt Sehende ein, Geschichte mal mit den anderen Sinnen zu erkunden. Die Ausstellung, bei der es ohnehin einiges zu riechen, fühlen und hören gibt und die seit 2017 das Signet „Bayern barrierefrei“ trägt, bietet sich dafür an.

Die Führerin ist selbst sehbehindert und kann Stationen gut anders erlebbar machen

Alles beginnt mit einer Vorstellungsrunde für die Ohren: Sprechen blinde Menschen anders als sehende? Wie sieht wohl die Dame aus, die erzählt, dass sie selbst schon historische Kostüme für einen Tanzkreis geschneidert hat? Kann man anhand der angenehmen, begeisterten Stimme ihr Alter erraten? Carolin Aumann von der Blinden- und Sehbehindertenseelsorge des Bistums Augsburg erzählt, wie mit der Museumsleitung und der freien Kulturvermittlerin Claudia Böhme die Idee entstand. Böhme, die die Führung leitet, ist selbst sehbehindert und kann Stationen gut anders als für die Augen erlebbar machen.

Inklusion andersherum: Mit Dunkelbrille durchs Museum

Dann geht es los, die Kellertreppe hinab in ein Bergwerk der Fugger-Zeit. Unbeholfen ist vor allem, wer sonst mit den Augen den Weg auslotet. Museumsleiterin Wiebke Schreier wird an der Treppe unsicher: „Ich dachte, ich kenne das Museum so gut, dass ich mich auch mit Dunkelbrille gut zurechtfinden kann, aber jetzt möchte ich mich doch gerne bei jemandem einhängen.“ Als alle gut unten angekommen sind, erklärt Führerin Claudia Böhme, was das schürzenartige „Arschleder“ war und dass die Bergleute dazu überraschend bunte Bergkittel mit Kapuze trugen. Grobes Leinen gleitet durch alle Hände, das schwere, glatte Leder muss man gut festhalten – und ist viel mehr mittendrin in der Szene eines Tagebaus vor 500 Jahren als sehend und lesend den Exponaten gegenüberstehend.

Ausgewählte Details werden zu Bildern im Kopf

Weiter geht es treppauf in einen Raum mit einer großformatigen Zeichnung des Fondaco dei Tedeschi in Venedig – die aber keiner sieht. Dafür duften aus Säcken Nelke, Zimt und andere Gewürze intensiver denn je, während Böhme die Niederlassung der deutschen Kaufleute beschreibt. Und dann das Bild, zuerst Format und Stil, schnell schon ausgewählte Details, die dann zu Bildern im Kopf werden. Sehende, die nun doch die Brillen abnehmen, staunen, wie anders sie die Zeichnung durch die Beschreibung auch mit den Augen wahrnehmen.

In Jakob Fuggers Goldener Schreibstube geht es um eine Kleiderordnung von 1530, die festlegte, dass Kaufleute weder Samt, Damast oder Seide tragen sollten noch karmesinrote Stoffe oder silberne und goldene Haarhauben (über Letzteres setzte sich Jakob Fugger offenbar hinweg). Wer Reichtum überbordend zeigte, musste göttlichen Jähzorn fürchten. Daher war festgelegt, wie viel der Gürtel eines Ratsherren höchstens kosten, wie breit die Borte am Schleier seiner Frau sein durfte. Namen für Stoffarten und Zahlen schwirren durch das Zimmer, in Deutsch von 1530: Mit Dunkelbrille auf der Nase sind sie einfacher zu verstehen als parallel zum Schauen.

Und wenn Claudia Böhme dann im Geschlechtertanz-Zimmer ein Kleid aus dem Theaterfundus anlegt, ist das bestimmt eine Augenweide – aber Samt und Hermelin zu fühlen, das macht auf andere, unmittelbare Art erlebbar, warum die Stoffe lange Königen vorbehalten waren.

Die Führungen laufen künftig im regulären Programm des Museums. „Unter der Haube“ ist wieder am 6.12.2019 und 19.4.2020 zu erleben.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren