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Mozartfest

17.05.2019

Isabelle Faust - eine Geigerin im Hochgebirge

Ein Marathonprogramm präsentierte die Violinistin Isabelle Faust im Goldenen Saal des Rathauses.
Bild: Christian Menkel

Isabelle Faust, deren Karriere zum Weltstar einst in Augsburg begann, stemmt Bachs sämtliche Solowerke an einem Abend – eine Sensation.

Die Sterne standen günstig damals für den zum ersten Mal ausgetragenen Leopold-Mozart-Violinwettbewerb in Augsburg. Denn die 15-Jährige, die 1987 den 1. Preis gewann, ist heute eine der großen Geigerinnen auf diesem Planeten: Isabelle Faust. Im Rahmen des Mozartfests kehrte sie jetzt mit einem reinen Bach-Programm in die Stadt ihres frühen Triumphes zurück, wunderbar terminiert zum Jubiläum von Leopold Mozart. Denn wenn Mozart mit seiner „Gründlichen Violinschule“ ein Lehrbuch vorgelegt hat, das bis heute Relevanz besitzt, so ist es Johann Sebastian Bach, von dem der Repertoire-Klassiker für die Geige stammt: die „sei solo“, die „sechs Solo“-Sonaten und -Partiten für Violine.

Die Hälfte von diesem Hochgebirge zu bezwingen, füllt locker ein ganzes Konzert. Wer als Hörer mit dreien dieser enorm verdichteten Werke konfrontiert ist, hat genug zu verarbeiten und der ausführende Interpret reichlich zu tun. Isabelle Faust jedoch legt die Latte nicht nur höher, sondern gleich ganz oben auf: Alle sechs an einem Abend, das macht netto drei Stunden reines Violinspiel. Für die Hörer im vollen Goldenen Saal des Rathauses eine Herausforderung, für die Interpretin nicht minder, physisch und vor allem auch geistig.

Isabelle Faust ist wie geschaffen für ein solches Programm

Denn zu den zentralen Schwierigkeiten dieser Sonaten und Partiten gehört nicht nur, auf einem Instrument, das primär für die Wiedergabe einer klingenden Tonfolge gedacht ist, Musik lebendig werden zu lassen, die mehrstimmig konzipiert ist, was diese typisch Bach’schen Arpeggien und Doppelgriffe mit sich bringt und vom Ausführenden extreme Intonationsfestigkeit erfordert – über die Isabelle Faust auch noch nach Stunden verfügt. Vor allem handelt es sich bei den „sei solo“ um Musik, die wie kaum eine andere nach Formung verlangt, nach einer Haltung des Interpreten, weil andernfalls alles schnell beziehungslos und geleiert wirkt. Das fordert Versenkung und unbedingte Konzentration, um die grandiosen Architekturen der Sätze, vorneweg der Fugen und der Chaconne, in ihrer wundersamen Komplexität zu erfassen und widerzuspiegeln.

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Und doch steht Isabelle Faust im kobaltblauen Jäckchen über gelborangem Kleid ganz unbefangen dort in der Mitte des kathedralenhaft hohen Saals, der mit seinem langen Nachhall wie geschaffen ist für ein solches Programm. Im Laufe des Konzerts dunkelt es vor den großen Fenstern, nach der Pause ist es völlig finster im Saal, keine Beleuchtung, nur zwei kleine Scheinwerfer werfen einen schmalen Lichtkegel auf die Geigerin und ihr Notenpult. Eine Atmosphäre fast wie in der Mitternachtsmette, und tatsächlich erlebt man nur sehr selten ein Konzert, in dem solche Publikumsandacht herrscht wie hier.

Sie zieht diese großartigen Schlussnoten

Es gibt ja auch immer wieder diese Momente, in denen Isabelle Faust das Auditorium in atemlose Aufmerksamkeit versetzt. Wenn sie den Bogen hauchfein über die Saiten ihrer Stradivari führt wie im Siciliano der g-Moll-Sonate und den Satz am Ende regelrecht ins Nichts verschwinden lässt. Oder wenn sie diese großartig langen Schlussnoten zieht, die ganze Bedeutungspanoramen aufwerfen. Überhaupt die Bogenführung: Sie ist das bevorzugte Gestaltungsmittel dieser Geigerin, die als historisch bestens informierte Musikerin nur minimalen Gebrauch vom Vibrato macht und lieber durch Druck und Zug mit der rechten Hand den Tönen Gestalt verleiht.

Welch ein Repertoire an Gesten, das diese Bogenkünstlerin allein im Einleitungssatz der C-Dur-Sonate zu entfalten vermag! In Couranten und Giguen kitzelt sie Beschwingtes, gar Heiteres hervor, artikulatorische Finesse mit klanglicher Fülle verbindend. Nie geht es ihr dabei um das Vollmundige, um den gesuchten Effekt. Nicht einmal in solchen Satz-Schwergewichten wie der Fuge der C-Dur-Sonate oder der berühmten, zum Konzertschluss erklingenden Chaconne, die Isabelle Faust ganz und gar nicht als d-Moll-Donnerwort versteht, sondern aus einem sinnierenden Kern heraus entwickelt und sie dann ohne Hast durch zerklüftete Landschaften und schwindelnde Abstürze führt.

Nach dem letzten klingenden d hebt sie den Bogen von der Saite ab, hält ihn aber noch in der Luft, hält so den Nachklang und die Spannung, hält und hält, 10, 20, ja wie viele Sekunden letztlich? – um dann mit dem Sinken endlich die Stille zu lösen und den Applaus freizugeben. Überwältigung, Bravos, der ganze Saal eine standing ovation. Auch dieser Abend: eine Sternstunde.

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