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Sensemble

19.11.2018

Ist Sicherheit mehr wert als Freiheit?

Zu massiven Methoden greift der Ermittler (Johannes Haag) im Verhör der terrorverdächtigen Philosophieprofessorin.
Bild: Michael Hochgemuth

Diese Frage verhandelt Daniel Kehlmann in seinem fesselnden Schauspiel „Heilig Abend“. Zwei Personen, eine Uhr und vielleicht auch eine Bombe sorgen für Nervenkitzel

Das Szenario: Den Behörden liegen schriftliche Hinweise auf ein bevorstehendes Terrorattentat vor. Die Verfasserin des Textes und mutmaßliche Täterin wurde bereits aufgegriffen. Eine Philosophieprofessorin. Sie sagt: „Sie können mich nicht belangen für das, was ich denke.“ Der Ermittler sieht das anders. Er sagt: „Bei akuter Gefahr dürfen wir sehr viel.“ Falls der Verdacht stimmt, bleiben ihm noch 90 Minuten, die Bombe zu entschärfen.

Die Betonung liegt auf „falls“, denn Autor Daniel Kehlmann lässt am Ende seines Schauspiels „Heilig Abend“, einem Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr, keine Bombe hochgehen. Es bleibt sogar offen, ob sie überhaupt existiert. Vielmehr interessieren ihn gesellschaftspolitische Fragen, die er im Rahmen einer Verhörsituation abhandeln lässt: Ist Schutz vor Terror höher anzusiedeln als Persönlichkeitsrechte? Wie weit darf ein Staat zur Gewährleistung der inneren Sicherheit gehen? Und wiegt Kontrolle mehr als Freiheit?

Diese Thematik reizte auch Regisseur Sebastian Seidel, der Kehlmanns Stück jetzt im Sensemble- Theater auf die Bühne bringt. Er verdichtet das Kammerspiel und lässt im Studio spielen. Seine Protagonisten, Sarah Hieber als Philosophieprofessorin und Johannes Haag als Ermittler, wanken auf einem schmalen Steg gekonnt um ihre Sicherheit und Argumente. Aber sicher ist hier nichts. Der Boden ist eine Schräge, Baufolie flattert anstelle einer Rückwand, die Professorin, die alle Vorwürfe abstreitet, weiß selbst nicht, wohin man sie gebracht hat. Und per Digitalanzeige rennt die Zeit.

Der Zuschauer sitzt dicht am Geschehen und inmitten von umherschwirrender Bedrohung. Die geht gefühlt weniger von Judith aus. Sarah Hiebers Professorin ist wohlerzogen, gut situiert, attraktiv, und will so gar nicht ins Beuteschema für eine Bombenlegerin passen. Überzeugend irritiert und schreckhaft lässt Hieber eher massive Verunsicherung fühlbar werden.

Weitaus gefährlicher ist Johannes Haags Thomas, Hüter der staatlichen Gewalt. Er feuert Einschüchterungsmanöver ab, so plump wie wirkmächtig, genießt es, von intimen Details zu sprechen, spielt beklemmend unangenehm sämtliche Trumfkarten der Machtposition aus. Das System gibt sie ihm in die Hand, er begrüßt es sichtlich. Im Kampf gegen den Terror ist ihm nichts heilig. Spät aber dringlich platzt es dann förmlich aus Sarah Hiebers Judith heraus, angewidert von Phrasen und Annäherungsversuchen des Ermittlers. Sie setzt zum zornigen, gestochen scharfen verbalen Gegenschlag an: Wie sieht es denn mit dem System selbst aus? Was, wenn es selbst so brutal ist, dass jeglicher Widerstand plausibel und letztlich gerechtfertigt ist? Es ist einer der spannenden Gedankengänge in Kehlmanns Stück, die den Fokus vom Staat als Beschützer zum Verursacher von Gewalt lenkt. Die Frage aber bleibt weiter bestehen –vertritt ihn Judith nur im theoretischen Diskurs oder ist sie auch praktisch zur Gewaltanwendung bereit? Oder vielleicht ihr Ex-Mann, der parallel an anderem Ort auch verhört wird?

„Heilig Abend“ berührt die Instabilität von Zuschreibungen wie Täter oder Opfer, es streift brisante Themen. Leider macht es nur Appetit auf sie. Denn insgesamt ist das Stück ein etwas wildes Potpourri mit Elementen aus Fernsehkrimi, Sternstunde Philosophie, und psychologischem Drama, garniert obendrein mit viel Machismo. Seidel gelingt mit seinem Team nichtsdestotrotz eine intensive, sehenswerte Inszenierung. Vor allem die Interpretation des Endes ist gedanklich wie nervlich äußerst packend.

im Dezember und Februar 2019; für die Vorstellungen im November evtl. Restkarten an der Abendkasse.

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