Jetzt auch aus dem Theater twittern?

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Kommentar Von Richard Mayr
09.03.2018

In unserer Kultur-Kolumne Intermezzo geht es um Kunst, Kultur und das Leben. Heute darum, was passieren könnte, wenn das Publikum zu twittern beginnt.

Es ist rätselhaft, wie das funktioniert: am Sonntagabend den Tatort schauen und gleichzeitig darüber schreiben, nämlich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter im Internet. Normalerweise würde man davon ausgehen, dass es sich um eine Entweder-oder-Entscheidung handelt, dass man entweder schaut oder schreibt, im Regelfall erst schaut und dann schreibt. Aber auf Twitter sieht man eindeutig die Belege dafür, dass das gleichzeitig geht. Da heißt es etwa, während der letzte Schwarzwald-Tatort gerade auf das Ende zusteuerte: „Gibt es schon eine Selbsthilfegruppe, der ich vor dem Ende beitreten kann?“ oder „Boah, wieder so ein Experimental-Tatort – ich bin raus“ oder „Warum werden beim Tatort neuerdings immer Pimmel gezeigt, die man nicht sehen will?“.

Noch während der Krimi läuft, legt sich eine zweite Ebene darüber, in der das Gesehene im Moment kommentiert wird. Um am Ball zu bleiben, müssen beide Ebenen gleichzeitig beobachtet werden. Da muss es neuerdings ein spezielles Training geben, die beiden Augen getrennt voneinander arbeiten zu lassen, eines verfolgt den Krimi und eines den Twitter-Strom, im Kopf wird gleichzeitig sowohl das eine als auch das andere verarbeitet. Was für eine Leistung, wow!

Im Halblicht der Smartphones

Ob das Theater Augsburg ahnt, was für Meister der Gleichzeitigkeit es mit seiner letzten Ausgabe des Theatermagazins angesprochen hat? Diese stand ja im Zeichen von Twitter. Die neuen Stücke wurden nur noch mit einem Strom von kurzen Statements vorgestellt.

Ob das eine Aufforderung ist, dass das Schauen-und-Schreiben auch in den Theatersälen Einzug halten soll? Dann wird es im Zuschauersaal nicht mehr dunkel, weil das Auditorium fortan im Halblicht der Smartphones zu sehen ist. Alle sind gedanklich immer auf der Suche nach einer griffigen Formulierung für das gerade Gesehene: „Hat jemand einen Regenschirm für Reihe 1 dabei? Akuter Spritzwasseralarm!“ oder „Boah, da klappt die Kinnlade nach unten. Liebes Catering, heute die großen Gläser, mein Mund ist Wüste Gobi jetzt“ oder „Wenn die hier noch einmal durchsagen, dass ich das Handy vor dem Stück ausstellen soll, bin ich raus. Das ist einfach nur Oldschool“.

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