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Augsburger Jazzsommer

07.08.2020

Joachim Kühn ist unverwechselbar am Piano

Joachim Kühn bei seinem Auftritt im Botanischen Garten in Augsburg - der Höhepunkt des diesjährigen Augsburger Jazzsommers.
Bild: Herbert Heim

Plus Man spürt, dass Joachim Kühn Heißhunger auf das Konzert im Botanischen Garten hat. Er gibt ein stürmisches, verspieltes, melancholisches Konzert mit seinem Trio.

Eigentlich passt er perfekt hierher. Ein Flügel, dazu noch ein Bass, ein Schlagzeug, 450 begeisterte Zuhörer und ein Ambiente, das ihn an sein Refugium auf Ibiza erinnert. Auch Joachim Kühn hat, wie nahezu alle Kolleginnen und Kollegen, Heißhunger auf Konzerte, nach fünfmonatiger Nulldiät. Also abermals eine Win-Win-Situation – für diejenigen, die im Botanischen Garten ein wahlweise stürmisches, melancholisches, verspieltes und am Schluss sogar euphorisches Konzerterlebnis zum Höhepunkt und gleichzeitig zum Ende dieses kurzen, intensiven und Piano-lastigen 28. Internationalen Augsburger Jazzsommers geboten bekommen, wie auch für den Solitär des modernen deutschen Jazzklaviers mitsamt seinen jungen Begleitern, die locker als dessen Söhne durchgehen könnten.

An Joachim, mit 76 immerhin der Jüngere der beiden erfolgreichen Kühn-Brüder, scheint die Pandemie mit all ihren Begleiterscheinungen spurlos vorübergegangen zu sein. Was soll man auch von einem erwarten, der dem Leben seit Jahrzehnten seinen Stempel aufdrückt, nach seinen eigenen Regeln lebt, genauso, wie er es immer wieder schafft, den mechanischen Limitierungen seines Instrumentes zu entfliehen und einen völlig abstrakten Ansatz für das Vexierspiel mit den 88 Tasten zu finden.

Allmählich bricht sich dieser unverwechselbare Kühn-Stil Bahn

Der gebürtige Leipziger scheint stets eine Tür zu seinen Stücken zu suchen, er gräbt sich förmlich von unten in jedes Thema hinein, indem er über die pausenlose Kommunikation mit dem Bassisten Chris Jennings und dem Schlagzeuger Eric Schaefer zunächst ruhig, dann häufig repetitiv seine farbigen Ideencollagen in Töne transformiert. Die Läufe scheinen sich dabei zu überschlagen, die Harmonik ist im allerbesten Wortsinn „kühn“ – wie sein legendäres „Diminished Augmented System“.

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Die kühnʼsche Wildheit muss zumindest am Anfang dem Wiederbeginn nach Corona Platz machen. Ganz allmählich bricht sich dann aber doch sein unverwechselbarer Stil Bahn, der die Geschichte des Jazz vom Bebop über die Avantgarde bis hin zum Freejazz mit Sprengseln von Folklore, klassischen Einflüssen und Rock in zehn Fingern vereint, zwischen Abstraktion und Wohlklang, zwischen aufgelösten Taktstrichen und bretthartem Groove pendelt.

Joachim Kühn - der einsame Wolf

Das Einstiegsmedley mit drei eigenen Titeln (darunter das vieldeutige „Alles S“) wirkt wie ein Auffrischen des verschütteten Vokabulars, die rätselhaft schöne Ornette-Coleman-Ballade „Beauty & Truth“ belegt die hohe Anschlagskultur des Elfenbein-Derwischs. Eine neue Facette des multiplen Genies decken die beiden Doors-Klassiker „The End“ und „Crystal Ship“ auf: Joachim Kühn, der einsame Wolf. Dank Jennings und Schaefer, die ihn vor einigen Jahren behutsam in dieses Territorium schubsten, gibt es eine Reihe von verfrickelten, störrischen Impro-Ritten in bester Work-in-Progress-Manier. Die beiden Jungspunde erweisen sich dabei als absolute Meister ihres Metiers. Aber wer mit dieser sympathisch dahin nuschelnden Galionsfigur des europäischen Jazz mithalten will, der muss sowieso in den Fingern genauso flink sein wie im Kopf und auch etwas wirklich Eigenes beitragen können – zu erleben im fulminanten „Missing The Page“ zum Finale.

Vor sieben Jahren war Joachim Kühn zuletzt beim Augsburger Jazzsommer zu Gast. In spätestens sieben Jahren würde er gerne wiederkommen, betont er verschwitzt und glücklich vor der Zugabe. Dann wäre er 83. Und sein ebenfalls noch aktiver Bruder Rolf, der gleich mitkommen könnte, 97. Eine wirklich tolle und keineswegs unrealistische Idee!

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