Konzert

18.03.2019

Jubiläum mit radikalen Klängen

Iris Lichtinger

Seit fünf Jahren gibt es den Verein „jetzt:musik!“. Im H2 wird das gefeiert.

Atmosphärisch stimmig angesiedelt war das Konzert zum fünfjährigen Bestehen des Projektes „jetzt:musik!“, das die Augsburger Gesellschaft für Neue Musik im H2-Zentrum veranstaltete. Wie eine Kunstinstallation mutete die Anordnung von blinkenden Elektronik-Geräten, Vibrafon-Ansammlungen und exotischen Metallschlagwerken an. Das in den Glaspalast hereingeströmte Publikum, in der Mitte auf beweglichen Stuhlreihen platziert, konnte sich in alle vier Himmelsrichtungen mitdrehend auf ein erlebnisreiches Klangabenteuer einstellen.

Von zehn Stücken, ausgeführt von 20 Musikern, sollte sich das Publikum herausfordern, auch provozieren, vorurteilsfrei mitnehmen lassen. Diese Musik und ihre Künstler haben die Rolle, Gefühle und Phänomene der modernen Welt zum Ausdruck zu bringen – wie es Iris Lichtinger, Vorsitzende der Gesellschaft, zur Erläuterung eingangs beschrieb.

Die moderne Welt: „Echoes of Industry“ von den Elektronik-Spezialisten Gerald Fiebig und Christian Z. Müller brachial in den Raum geschleudert, lässt eine Arbeiterstimme aus der ehemaligen Augsburger Textilfabrik darin symbolisch ertrinken. Auch Ben Wahlunds Stück über den „Abgebrühten Kapitalismus“ befasst sich, laut Programm, mit den Veränderungen in der Welt. Das von Fabian Strauß virtuos gespielte Vibrafon spricht da eine für sich stehende musikalische Sprache. In weit zurückliegende Bereiche begibt sich Yannis Kyriakides’ „Affectio“ nach „Ethica“ des jüdischen Philosophen Spinoza. Mit Iris Lichtingers Stimme, dem lapidar eingesetzten Cembalo (Ella Sevskaya) und elektronischer Zuspielung werden in bizarren Farbmischungen 24 Emotionszustände von Liebe, Spott, Mitleid, Zwist, bis Verzweiflung und Freude zum Ausdruck gebracht.

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Ein Farbgewitter in tollen Improvisationen

Es gab auch „analoge“ Kammermusik zu hören. Enjott Schneiders feines Traumstück für Blockflöte beschwor Iris Lichtinger mit edlem Ton und virtuos zirpenden Gesten. Volker Nickels „Cassation“ für Klarinette (Lisa Riepl) und Cello (Dylan Lee) spielt mit extrem zugespitzten barocken Gesten-Fetzen. Klangsatt ist Richard Hellers „Actus“ für Konverter-Akkordeon. Michael Rettig reizt diese Szenen durch das besonders bassverstärkte Instrument wunderbar aus. Wolfgang Lackerschmid brachte mit den Vibrafonisten Fabian Strauß und Sebastian Hausl sein „Compadre Peri“ jazzig zum Swingen. Das Duo Beatrice Ottmann (Mezzo, Stimme) und Elektroniker Stefan Schulzki beschworen in ihrer tollen Improvisation ein Farbgewitter verfremdeter Musical-Déjà-vus, freiem Gefühlsausdruck und ekstatischen Verzückungs-Blitzen. Ein subtiles Geflecht von eher stillen Impulsen und kippenden Veränderungen war zum Schluss John Cages fünfstimmiges Stück für Vocals (Lichtinger, Ottmann), Vibrafon (Hausl) sowie Klarinette/Cello.

Gelungene dramaturgische Akzente setzten die immer wieder eingeschobenen fünf elektronischen „Nachtstück“-Miniaturen vom Augsburger Kunstförderpreisträger Patrik T. Schäfer: Teils latent bedrohliche, teils still brütende Flüsternischen nach Motiven zu Pier Pasolinis Film „Teorema“.

Das Publikum ließ sich von diesen radikalen Klängen drei Stunden lang begeistert mitnehmen.

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